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Korrespondenz: Alfred Escher – Josef Zingg

AES B3207 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#569*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 374

Josef Zingg an Alfred Escher, Luzern, Samstag, 7. September 1878

Schlagwörter: Bundesrat, Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Personelle Angelegenheiten, Wahlen

Briefe

Hochverehrter Herr Präsident!

Ich verdanke Ihnen bestens die gefällige Mittheilung des v. Abwart Furrer1 Ihnen zustellten Telegramm's von H. an K.2, das ich Hrn. Präsident Feer-Herzog übermacht habe. 3

In der Anlage übermache ich Ihnen ein Exemplar unsers Berichts an den Verwaltungsrath in Sachen des Hrn. Hellwag.4 Der Bericht ist gestern auch dem Letztern selbst mitgetheilt worden, was denselben veranlaßte, mir heute eine Erklärung an den Verwaltungsrath zu übermachen, daß er, da ihm | der Bericht erst gestern zugegangen, wie der Verwaltungsrath begreifen werde, auf die «schmachvollen» & «bodenlosen» Vorwürfe der Direktion auch nicht mündlich schon zu antworten im Falle sei; eine eingehende Antwort werde aber nicht ausbleiben. Ich habe ihm die Erklärung zurükgeschikt, indem ich nicht in der Lage sei, Aktenstüke entgegenzunehmen, welche sich in ungemeßenen Ausdrüken gegenüber der Direktion bewegen. –

Im Verwaltungsrathe wurde noch nicht auf die Materie eingetreten, sondern mit Rüksicht auf den von mehrern Mitgliedern des Bundesrathes geäußerten | Wunsch, daß mit aller Vorsicht vorgegangen werden müße & daß man H. auch jeden Vorwand benehmen solle, sich über Beeinträchtigung seiner Vertheidigung beklagen zu können (Hr Welti hat diesen Punkt namentlich betont) & beschloßen: eine Commission aus 5 Mitgliedern des Verwaltungsrathes niederzusetzen, mit dem Auftrage, neben den Beschwerden der Direktion über das Verhalten des Hrn. Hellwag auch die Verantwortung des Letztern5 entgegenzunehmen & nach eingehender Prüfung der Sache dem Verwaltungsrathe sodann Bericht & Antrag vorzulegen. | Gleichzeitig erklärte sich der Verwaltungsrath damit einverstanden, daß die Direktion bis nach erfolgter Entscheidung der Angelegenheit bei Behandlung technischer Fragen sich der Mitwirkung des Stellvertreters6 des Oberingenieurs bediene. – Gegen Letzteres remonstrirte Hellwag sehr, aber ohne Erfolg; der Verwaltungsrath wäre sehr geneigt gewesen, noch eine schärfere Faßung zu wählen. – Die Commission des Verwaltungsrathes besteht in den Hrn. Feer, Stehlin7, Moser-Ott8, Landammann Frey9 & Wendelstadt10. –

Bezeichnend ist noch, daß Hellwag für Abfaßung der Antwort auf unsern | kurzen Bericht eine Frist v. 14. Tagen verlangte, da er die Akten auf 2–3 Jahre zurük durchgehen müße. Er wird eben ein Buch schreiben, das nicht auf den Verwaltungsrath, sondern die Oeffentlichkeit berechnet sein wird.11

Als Mitglied des Verwaltungsrathes ist einstimmig Hr. Oberst Hertenstein12 gewählt worden. Ich möchte sehr wünschen, daß er die Stelle annimmt & würde Ihnen sehr verbunden sein, wenn Sie etwas in dieser Richtung thun könnten.13

Zum Stellvertreter der Direktion wurde an Stelle des zurükgetretenen | Hrn. Oberst Stoker14 Herr von Hettlingen gewählt. –

Ich denke, daß diese Schlußnahme Sie einigermaßen intreßiren werde. Alles Weitere übergehe ich, hoffend daß es mir bald wieder einmal vergönnt sein werde, mich persönlich mit Ihnen zu unterhalten.

Mit dem Ausdruke vorzüglicher Hochachtung verbleibe

Ihr freundschaftlich ergebener

J. Zingg.

Luzern d. 7. Sept. 78.

Bitte um freundliche Empfehlung an Frlein Lydie Escher15.

Kommentareinträge

1 Eduard Furrer (geb. 1845), Abwart beim technischen Zentralbüro der Gotthardbahn-Gesellschaft.

2Wahrscheinlich ist Franz Klein (1825–1882) gemeint, Mitglied des Wiener Familienkonzerns Klein, der den Eisenbahnbau in Österreich-Ungarn beherrschte; Klein war bei der Gruppe der Schweizerischen Baugesellschaft beteiligt. Josef Zingg an Alfred Escher, 16. September 1878. – Der Konzern erstellte auch die Österreichische Nordwestbahn, wo Hellwag zuvor als Baudirektor tätig war. Gemäss einer Zeugenaussage soll Klein geäussert haben, «es komme jetzt besser, Escher trete aus & Hellwag erhalte wieder d. Oberhand» . Escher, Notizen. Vgl. Carl Feer-Herzog an Alfred Escher, 23. März 1875; Alfred Escher an Johann Jakob Tschudi, 5. März 1875, Fussnote 7.

3Vermutlich handelt es sich hierbei um das «Telegramm Hellwags an Klein v. 22. Mai » 1878, welches Escher in seinen Notizen zur Causa Hellwag erwähnt. Am Vortag hatte Escher durch Zingg telegraphisch die Bitte -Herzogs erhalten, er möchte «bewußtes Telegramm» nach Luzern senden. Escher, Notizen 1878; Telegramm Josef Zingg an Escher, 6. September 1878 (BAR J I.67-6.71).

4Beilage nicht überliefert. – Vgl. Bericht der Direction der Gotthardbahn an den Verwaltungsrath über die Beziehungen der Gesellschaft zu ihrem Oberingenieur. Luzern, 16. August 1878, in: Hellwag, Gotthardbahn, S. 3–5.

5 Vgl. Hellwag, Gotthardbahn; Josef Zingg an Alfred Escher, 29. September 1878.

6 Eduard Gerlich (1836–1904), Adjunkt des Oberingenieurs der Gotthardbahn-Gesellschaft.

7 Karl Stehlin (1831–1881), Grossrat und Ständerat (BS), Verwaltungsrat der Schweizerischen Centralbahn und der Gotthardbahn-Gesellschaft, Mitglied der Basler Handelskammer, Vorstandsmitglied des Schweizerischen Handels- und Industrievereins.

8 Johann Christoph Moser-Ott (1819–1911), Regierungsrat (SH), Verwaltungsrat der Gotthardbahn-Gesellschaft.

9 Joseph Frey (1819–1880), Regierungsrat (AG), Verwaltungsrat der Gotthardbahn-Gesellschaft.

10 Victor Wendelstadt (1819–1884), Kölner Bankier und Unternehmer, Verwaltungsrat der Gotthardbahn-Gesellschaft, ehemaliger Direktor des A. Schaaffhausen'schen Bankvereins.

11Die 55 Seiten umfassende Antwort Hellwags erschien tatsächlich im Druck. Vgl. Hellwag, Gotthardbahn; Josef Zingg an Alfred Escher, 29. September 1878.

12 Wilhelm Friedrich Hertenstein (1825–1888), Regierungsrat und Nationalrat (ZH).

13 Hertenstein nahm die Wahl in den Verwaltungsrat der Gotthardbahn-Gesellschaft (als Ersatz Eschers) an, blieb jedoch nur kurz im Amt: Er wurde im März 1879 in den Bundesrat gewählt. Vgl. Gruner, Bundesversammlung, S. 77; Josef Zingg an Alfred Escher, 16. September 1878.

14 Abraham Stocker-Steiger (1825–1887), Grossrat (LU), Verwaltungsrat und Ersatzmann der Direktion der Gotthardbahn-Gesellschaft.

15 Lydia Escher (1858–1891), Tochter von Augusta und Alfred Escher.