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Korrespondenz: Alfred Escher – Josef Zingg

AES B3190 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#569*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 365

Josef Zingg an Alfred Escher, Luzern, Freitag, 19. Juli 1878

Schlagwörter: Bundesrat, Eisenbahngesellschaften Krise/Rekonstruktion, Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Rechtliches

Briefe

Luzern d. 19. Juli 1878.

Hochverehrter Herr Präsident!

Ich habe die Brochure1 des Hrn. Hellwag gelesen, empört über die Perfidie & Schlechtigkeit, welche derselben zu Grunde liegt. Ich will nicht von dem widerlichen Bestreben reden, sich herauszustreichen2 & links & rechts sich Gunst zu verschaffen. Ich will selbst zugeben, daß ja Manches an sich richtig sein mag, was er sagt. Die Schlechtigkeit liegt eben darin, daß er als Angestellter der Gesellschaft in dem Augenblike, wo man dem | Abschluße der langen Construktionsbestrebungen3 entgegensieht, alles dasjenige zu untergraben beginnt, was der Bundesrath & die Gesellschaftsbehörden seit 2½ Jahren mit unendlicher Mühe aufgebaut haben. Das ist – mögen die Phrasen noch so gewandt & künstlich gefügt sein – wie Sie richtig sagen, ein wahrer Verrath an der Gesellschaft. Es würde mich aber nicht wundern, wenn das in der Oeffentlichkeit wieder in das Gegentheil verkehrt & als eine mannhafte That gepriesen würde! Dahin ist man ja in unserem Lande gekommen. |

Ich habe Sie heute angefragt4, ob ich von dem Elaborate den Hrn. Heer & Feer-Herzog Mittheilung machen dürfe, oder ob sie schon davon in Kenntniß gesetzt seien. Es scheint mir nämlich nothwendig, daß man sich beförderlich verständigt5, was gegenüber diesem Machwerke zu thun sei: Man wird dabei neben Anderm die Beurtheilung in der Oeffentlichkeit sehr in's Auge zu faßen haben. –

Hr. Bundesrath Dr. Heer übersandte mir gestern die beifolgenden Bemerkungen6 zu der Baubeschreibung & den Bedingnißheften7 mit dem Bemerken:

«Bei der Prüfung der Devise der GB. | wurde von dem damit beauftragten Personal auch der Entwurf für den Generalakkord, sowie die dazugehörenden Bedingnißhefte & Baubeschreibungen eingesehen & einer der zugezogenen Bauführer – Hr. Wendelstadt8 – habe darüber eine Anzahl v. Bemerkungen zu Papier gebracht, die zwar nicht sehr wesentlich seien, die er (Hr. Heer) uns aber doch mittheile, gewärtigend, ob die Direktion sich veranlaßt sehe, darauf irgendwelche Rücksicht zu nehmen.» –

Ich denke, daß es angezeigt sein wird, diese Bemerkungen der [C?] Bauleitung zur Prüfung & gutfindenden Berücksichtigung zuzustellen.

In freundschaftlicher Hochachtung

Ihr ergebener

J. Zingg.

Kommentareinträge

1 Vgl. Hellwag, Reconstruction. – Diese 44seitige Drucksache findet sich auch in den nachgelassenen Papieren Eschers (BAR J I.67-6.71). Die Rekonstruktion der Gotthardbahn, Absatz 38.

2 Hellwag betont im Vorwort seines Memorials das «Vertrauen und die Annerkennung» , die er «in weiteren Kreisen erworben hatte» durch seine Tätigkeit auf dem Gebiet des Eisenbahnbaues. Hellwag, Reconstruction, S. 3.

3Am 29. Juli 1878 trat die Bundesversammlung zu einer Sondersession zusammen zur Behandlung der Gotthardbahnnachsubvention und einiger kleinerer Geschäfte. Vgl. Aus den Verhandlungen der schweizerischen Bundesversammlung, in: BBl 1878 III, S. 651; Die Rekonstruktion der Gotthardbahn, Absatz 15.

4 Vgl. Telegramm Josef Zingg an Escher, 19. Juli 1878 (BAR J I.67-8).

5Escher, Feer-Herzog und Zingg trafen sich vermutlich ohne Heer am 20. Juli 1878 in Olten zu einer Besprechung. Vgl. Telegramm Carl Feer-Herzog an Escher, 19. Juli 1878 (BAR J I.67-8); Brief Joachim Heer an Carl Feer-Herzog, 20. Juli 1878 (BAR J I.67-6.71).

6Beilage nicht ermittelt.

7Dokumente nicht ermittelt.

8Person nicht ermittelt.