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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Ulrich Schiess

AES B3187 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#432*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 364

Johann Ulrich Schiess an Alfred Escher, Bern, Donnerstag, 18. Juli 1878

Schlagwörter: Demissionen, Freundschaften, Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Gotthardbahnprojekt

Briefe

Hochgeachteter Herr und theurer Freund.

Die Empfindungen welche mich ergriffen & durchstürm- ten, als ich Ihren Austritt aus Gotthardverwaltung ver- nahm, können Sie leichter fühlen, als ich beschreiben. Es war mir zunächst un- begreiflich wie Sie, so nah am Ziele von einem Un- ternehmen sich trennen konn- ten, dem Sie die schönsten Jahre Ihres edeln Lebens | Ihre volle Manneskraft & Ihren Geist ohne Wanken, ohne Zagen, unermüdet treu & rastlos gewidmet hatten, wie dieß in solcher großartigen & uneigennüzi- gen Weise nur noch von ei- nem andern würdigen Trä- ger Ihres Namens geschehen ist, bei einem Unternehmen, das eben so unsterblich ist, wie dasjenige welches Sie sich zur größten Aufgabe Ihrer Thätigkeit sich sezen wollten. Ich lebte eben fortwährend im guten Glauben & hatte | keine Ahnung von den Kabalen, die gegen Sie im Werke waren. Diese Vor- gänge, erfuhr ich erst jezt aus treuester Hand, von unserm trefflichen Freunde General v. Röder , und da ward mir klar wie Sie es als Ihrer allein würdig erachten mochten, der gro- ßen Sache, welcher Sie be- reits Alles gewidmet, nun auch noch Ihre Person selbst zum Opfer zu bringen, wie der Abschiedsbrief so sinnig sich ausspricht, der von Ihren Arbeitsgefährten Ihnen ge- | weiht worden ist.

Frage ich mich: «ist das der Dank für deine Liebe, ist das der Lohn für deine Treu? So liegt hierin allerdings ein tiefer Schmerz;»

vergleiche ich aber die Klein- heit der Menschen & ihrer Wege & die Größe Ihrer That, so gewahre ich wieder einen Trost, den niemand Ihnen & Ihren Freunden rauben soll. Über Allem steht die Geschichte die unparteiisch richten wird.

In unwandelbar Hochachtung

Ihr treu ergebenster

J U Schiess.

Bern 18 Juli 1878.