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AES B3184 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#72*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 362

Verwaltungsrat Gotthardbahn an Alfred Escher, Luzern, Dienstag, 9. Juli 1878

Schlagwörter: Demissionen, Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Gotthardbahnprojekt

Briefe

Gotthardbahn.

Der Verwaltungsrath der Gotthardbahngesellschaft

an

Herrn Dr Alfred Escher, Präsidenten der Direktion.

Hochgeachteter Herr!

Durch Zuschrift vom 2. d. Mts. theilen Sie uns mit, daß Sie die Ihnen in unserm Schreiben vom 21. Mai vorgelegte Combination, wonach Sie das Präsidium der Direktion behalten hätten, nicht annehmen können, und daß Sie Ihr früheres Ansuchen um gänzliche Entlassung deßwegen jetzt definitiv stellen müssen, weil abgesehen von andern Gründen, Manche für das große Werk der Gotthardbahn entschiedener einstehen, oder sich aus Gegnern in Freunde desselben verwandeln werden, wenn Sie auf die Leitung der Geschäfte verzichten.

Mit Ihrem Entlassungsgesuche verbinden Sie das Anerbieten, die eben schwebenden Bauverhandlungen noch zu Ende führen zu wollen, um damit den | Kreis Ihrer bisherigen Thätigkeit, soweit es im Augenblicke möglich ist, in angemessener Weise abzuschließen.

Nach dem Schriftenwechsel, der bisher in dieser Angelegenheit zwischen uns stattgefunden hat , haben wir kaum nöthig zu wiederholen, wie ausserordentlich uns der Verlust derjenigen Persönlichkeit schmerzt, welche bisanhin die Seele des Unternehmens gewesen ist, die dasselbe seit 15 Jahren mit der Kraft ihres Gedankens und ihrer Arbeit getragen hat. – Wir glauben uns aber verpflichtet, dem von uns schon früher Gesagten heute die Anerkennung beifügen zu sollen, daß Sie die langjährigen und andauernden Beweise Ihrer Hingabe zu unserer Unternehmung, noch mit dem Entschlusse krönen, dem Werke Ihre eigene Person zum Opfer zu bringen. – Wir begnügen uns gegenwärtig damit, diese entsagende Handlungsweise zu konstatiren. Eine weniger bewegte Zukunft wird dieselbe in ihrem vollen republikanischen Werthe zu beurtheilen wissen.

Wir nehmen demnach Ihre Entlassung als Präsident & Mitglied der Direktion auf den Zeitpunkt an, wo | die schwebenden Bauverhandlungen wenigstens einen vorläufigen Abschluß gefunden haben werden1, und behalten uns vor, Ihnen alsdann noch ausdrücklich den Dank des Verwaltungsrathes für Ihre Thätigkeit vor und seit der Gründung der Gotthardbahn auszusprechen.2

Genehmigen Sie hochgeachteter Herr, die Versicherung unserer unwandelbaren Hochachtung.3

Namens des Verwaltungsrathes der Gotthardbahn-Gesellschaft,

Der Präsident:
Feer Herzog

Der Sekretär:
Schweizer

Luzern, den 9. Juli 1878.

Kommentareinträge

1Mit der Vorlage der letzten Bauofferten für die verbliebenen Bahnstrecken betrachtete Escher Ende Juli 1878 seine Mission als erfüllt und trat zurück. Alfred Escher an Carl Feer-Herzog, 27. Juli 1878.

2Brief nicht ermittelt. – In den Personalakten der Gotthardbahn-Gesellschaft findet sich ein Brief der Direktion an Unbekannt, der vermutlich als Vorlage für die Mitteilung von Eschers Rücktritt an die Verwaltungsräte diente. Vgl. Brief Dir. GB an Unbekannt, 27. Juli 1878 (SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_059 ).

3Vorliegender Brief wurde – wie schon Eschers Abschiedsbrief – in der NZZ veröffentlicht. Vgl. NZZ, 11. Juli 1878. Alfred Escher an Verwaltungsrat Gotthardbahn, 2. Juli 1878, Fussnote 5.