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Korrespondenz: Alfred Escher – Maximilian Heinrich von Roeder

AES B3182 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#186* (Abzug)

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 361 | Gagliardi, Escher, S. 648–650 (auszugsweise)

Alfred Escher an Maximilian Heinrich von Roeder, Belvoir (Enge, Zürich), Dienstag, 9. Juli 1878

Schlagwörter: Demissionen, Eisenbahngesellschaften Krise/Rekonstruktion, Freundschaften, Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Gotthardbahnprojekt, Vereinigte Bundesversammlung

Briefe

Belvoir bei Zürich
9 Juli 1878.

Empfangen Sie, Hochverehrter Herr & Freund! meinen warmen Dank für den lieben Brief, den Sie an mich gerichtet.1 Sie haben ihn nicht vergebens geschrieben. Er hat mich zu Thränen gerührt & Thränen kommen nicht oft bei mir vor!

Trotz meiner Gesundheitsverhältnisse & namentlich auch des Zustandes meiner Augen war ich entschlossen, bis nach gänzlicher Durchführung der Reconstruction der Gotthardbahnunternehmung mein Kreuz fortzutragen. Ein passenderer Ausdruck als dieser steht mir nicht zu Gebote!

Es wurde mir nun aber gesagt, daß eine Fraction der Bundesversammlung, derer man bedürfe, um eine Mehrheit | in den Räthen für die Gotthardbahn zu erhalten, als Preis für Ihre Stimmgabe zu Gunsten dieser Bahn meinen Austritt aus der Direction verlange.2

Angesichts einer so gearteten Situation glaubte ich es der Sache, welche ich in dieser großen Angelegenheit von jeher allein im Auge hatte, geradezu schuldig zu sein, den Verwaltungsrath zu bitten, mein Gesuch um gänzliche Entlassung aus der Direction schon vor der bevorstehenden, für die Entscheidung der Gotthardfrage bestimmten Session der Bundesversammlung, also sofort, im entsprechenden Sinne erledigen zu wollen.3

Wenn ich die Thätigkeit, die ich seit 15 Jahren4 der Gotthardbahn gewidmet, überblicke, so tritt mir aus derselben wenigstens ein Lichtpunct in ungetrübtem Glanze entgegen & diesen erblicke ich darin, daß mir vergönnt war, während | mehr als eines Dezenniums vereint mit Ihnen, mein hochverehrter Herr & Freund, auf ein großes gemeinschaftliches Ziel hinzuarbeiten. Dieses Zusammenwirken mit einem Manne, für den ich, je näher ich ihn kennen lernte, mit desto mehr Verehrung & Freundschaft erfüllt wurde, wird eine der schönsten Erinnerungen bleiben, welche eine vielfach bewegte Vergangenheit in mir zurückgelassen hat.

Das Urtheil, das Sie über Ihre bisherige Thätigkeit für die Verwirklichung der Gotthardbahn fällen, ist ein neuer Beweis für Ihre – ich kann keinen bessern Ausdruck finden – rührende Anspruchlosigkeit. Nur wenige wissen so gut als ich, wie viel das Werk der Gotthardbahn Ihnen zu verdanken hat. Die seiner Zeit erfolgten Erklärungen Deutschlands, & Italiens, daß sie ihre Subvention nur der Gotthardbahn zukommen lassen werden, sind unzweifelhaft zum Eckstein der letztern geworden. | Welcher Antheil an diesen Erklärungen aber Ihnen, hochverehrter Herr & Freund, gebührt, ist niemandem besser bekannt als mir. Es ist mir auch weiter bekannt, in welch' treuer Obhut Sie die Gotthard bahnunternehmung fortwährend gehalten haben, & wie Sie es nie an sich fehlen ließen, wenn es galt, dem großen Werke Vorschub zu leisten oder Hindernisse wegzuräumen, welche sich demselben in den Weg stellten.

Daß Sie mein Beharren auf meinem Entlassungsbegehren billigen, ist mir eine große Beruhigung. Ich weiß ja, daß es niemand mit der Gotthardbahnunternehmung & auch mit mir besser meint als Sie!

Bewahren Sie mir, hochverehrter Gönner, die Achtung & Freundschaft, deren Sie mich, wie Sie mir in der Ihnen eigenen verbindlichen Weise sagen, würdig erfunden haben. Ich habe dann nicht vergebens für die Gotthardbahn gearbeitet! | Erhalten Sie auch Lydie5 – ich bitte Sie darum – Ihr Wohlwollen, auf das sie stolz ist.

Wir beide ersuchen Sie, uns dem freundlichen Andenken Ihrer hochverehrten Frau Gemalinn6 angelegentlich emphehlen & die erneuerte Versicherung unserer warmen Verehrung & Anhänglichkeit genehm halten zu wollen.

Ihr

Dr A Escher

Kommentareinträge

1Vorliegender Brief befindet sich als Brief Escher an Unbekannt im BAR. Aufgrund des Stils und des Inhalts kann man davon ausgehen, dass es sich um den Antwortbrief Eschers an Roeder handelt. Zum selben Befund gelangte auch Gagliardi. Vgl. Gagliardi, Escher, S. 648–650; Maximilian Heinrich von Roeder an Alfred Escher, 6. Juli 1878. – Dieser Brief deckt sich stellenweise mit einem Brief Eschers vom 12. Juli 1878 an Johann Jakob Huggenberg und vom 8. Juli 1878, vermutlich an Karl Karrer-Burger. Letzterer Brief befindet sich unter den Briefen Eschers an Carl Feer-Herzog im BAR. Vgl. Alfred Escher an Karl Karrer-Burger, 8. Juli 1878; Alfred Escher an Johann Jakob Huggenberg, 12. Juli 1878; Gagliardi, Escher, S. 649; Karl Karrer-Burger an Alfred Escher, 5. Juli 1878.

2Im Brief an Huggenberg versieht Escher diesen Abschnitt mit einem zusätzlichen Satz: «Man hat mir ferner mitgetheilt, daß aus naheliegenden Gründen, mit denen die Gotthardfrage nicht in Verbindung gebracht werden sollte, so viel als alle Berner, die Großzahl der Zürcher Demokraten u. s. f. diesen Standpunkt einnehmen.» Alfred Escher an Johann Jakob Huggenberg, 12. Juli 1878. – Ein Jahr später äussert sich Escher Emil Welti gegenüber unmissverständlich über die eigentlichen Motive. Alfred Escher an Emil Welti, 27. Juni 1879.

3An dieser Stelle fügt Escher im Brief an Karrer einen weiteren Abschnitt an: «Die von Dir berührte Frage, ob ich die Ueberzeugung habe, daß sich das Werk der Gotthardbahn auf Grundlage des von der internationalen Konferenz und von unsern Gesellschaftsorganen aufgestellten Programmes zu Ende führen lasse, beantworte ich unbedenklich dahin, daß ich diese Ueberzeugung in der That dann hege, wenn die Schweiz sich bereit erklärt, an ein Werk, das ausschließlich auf Schweizerischem Boden errichtet wird und an welches das Ausland Subventionen im Belaufe von 85 Millionen Franken leistet, wenige 6½ Millionen beizutragen.» Alfred Escher an Karl Karrer-Burger, 8. Juli 1878.

4Zeitspanne seit der Gotthardkonferenz vom 7./8. August 1863 in Luzern. Eschers Kurswechsel und die Gotthardkonferenz von 1863, Die Gotthardkonferenz von 1863.

5 Lydia Escher (1858–1891), Tochter von Augusta und Alfred Escher.

6 Bertha Mathilde von Roeder-Ausset (geb. 1816), aus Vevey, verwitwete von Gycko; ab 1839 zweite Ehefrau Roeders.