Navigation

Korrespondenz: Alfred Escher – Maximilian Heinrich von Roeder

AES B3178 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#412*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 359 | Jung, Aufbruch, S. 697–698 | Gagliardi, Escher, S. 648 (auszugsweise)

Maximilian Heinrich von Roeder an Alfred Escher, Interlaken, Samstag, 6. Juli 1878

Schlagwörter: Demissionen, Freundschaften, Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Gotthardbahnprojekt, Liberale Presse

Briefe

KAISERLICH
DEUTSCHE GESANDTSCHAFT

Interlaken den 6. July
1878

Verehrter lieber Freund!

Die N.Z.Z. brachte mir den Inhalt Ihres Abschiedbriefes1 , der mich nicht überrascht hat. Mag zwischen den Zeilen auch manch bittere Empfind ung zu lesen sein – die kann nur vor übergehend sein im Vergleich zu der Erinnerung an das Grosze was Sie gedacht, was Sie in's Leben gerufen und was nur Ihre Energie, Thatkraft und Umsicht so zu bewältigen wuszte, dasz Sie jetzt der weiteren materiel len Vollendung getrost den Rücken kehren können, um an Sich an Ihre | Erhaltung für die geliebte Tochter2 und für Ihre zahllosen Freunde zu denken. Wenn ich unsere gemeinsa me Gotthardarbeit an mir vorüberge hen lasze im Geiste, so erscheine ich mir neben Ihnen allerdings comme la mou che du coche 3 , habe aber auch von dieser bescheidenen Rolle aus den mit Ihnen, mein Herzensfreund, verlebten Stun den und Augenblicken nur das wohl thuende Gefühl der inneren Befriedig ung mitgenommen, Sie so wahrhaft hoch stellen und so von Herzen verehren zu können. Das ist der goldene Faden der durch unser Verhältnisz sich zieht von dem Augenblick an als Sie zum ersten | Mal mit Herrn Stählin bei mir in's Zimmer traten4 , und diesen Faden ver mag Menschenhand weder zu zerschnei den noch seinen Glanz zu nehmen.

Ihr Namen bleibt auf ewige Zeiten dem groszen Werke aufgedrückt. Suum cuique5 aber was nun kommt ist im Vergleich zum Geschehenen nur Handwerk, mag es noch so vollendet sein.

Auch mein Amt de mouche ist vol lendet – ich lasze die Flügel hängen u überlasse der Schweizer Diligence die Karre weiter zu befördern.

Könnte ich wie Sie Freund, ich folgte gern Ihrem Beispiel, denn ich fühle mehr denn je die Wahrheit des Bibelspruches: | «Und wenn es hoch kommt, so ist es Mühe und Arbeit gewesen!»6 – Und das besonders wenn man mitten im schmutzigsten revolutionairen Trei ben, und dem doctrinärsten Liberalis mus steht, den keine Erfahrung auf ei nen realen Boden zurückzuführen ver mag. –

Also verehrter lieber Freund spreche ich Ihnen meinen herzlichen Glückwunsch zur kühnen That aus – dasz Sie Ihnen in mancher Beziehung recht schwer begrei fe ich, dasz Sie manch inneres Ungewitter dabei zu bestehen hatten ebenfalls, aber dasz Sie das Rechte erwählt haben dessen bin ich gewisz und darauf Gottessegen.

Viel Herzliches der holden Lydia und Ihnen einen warmen Händedruck von

Ihrem

unwandelbar getreuen alten Freunde

General von Roeder

Kommentareinträge

1Es handelt sich um Eschers in der NZZ publiziertes Rücktrittsgesuch an den Verwaltungsrat der Gotthardbahn-Gesellschaft. Vgl. NZZ, 5. Juli 1878; Alfred Escher an Verwaltungsrat Gotthardbahn, 2. Juli 1878.

2 Lydia Escher (1858–1891), Tochter von Augusta und Alfred Escher.

3Anspielung auf die Fabel «Le coche et la mouche» von Jean de La Fontaine über eine Fliege, die sich einbildet, eine Kutsche zu lenken.

4Escher und Stehlin wurden vom Gotthardkomitee am 13. Januar 1868 beauftragt, Roeder über ein Projekt zur provisorischen Überschienung des Gotthards zu informieren. Vermutlich ist es in diesem Zusammenhang zur erwähnten Begegnung gekommen. Escher selbst spricht in seinem Antwortbrief von mehr als zehn Jahren Zusammenarbeit mit Roeder. Die erste erhalten gebliebene Korrespondenz zwischen Escher und Roeder datiert aus dem Jahr 1870. Vgl. Jung, Aufbruch, S. 574; Maximilian Heinrich von Roeder an Alfred Escher, 30. März 1870; Alfred Escher an Maximilian Heinrich von Roeder, 9. Juli 1878.

5Suum cuique (lat.): jedem das Seine.

6 «Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn's hoch kommt, so sind's achtzig Jahre, und wenn's köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen; denn es fährt schnell dahin, als flögen wir davon.» Psalm 90,10 (Luther-Bibel).

Kontexte