Navigation

Korrespondenz: Alfred Escher – Emil Welti

AES B3172 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#547*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 354 | Jung, Aufbruch, S. 696–697 | Gagliardi, Escher, S. 647 (auszugsweise)

Emil Welti an Alfred Escher, Bern, Freitag, 28. Juni 1878

Schlagwörter: Demissionen, Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Gotthardbahnprojekt, Vereinigte Bundesversammlung

Briefe

Hochgeehrter Herr und Freund

Ich hätte Ihnen die folgenden Mittheilungen lieber mündlich gemacht. Da ich Sie aber voraussichtlich in den nächsten Tagen nicht sehen werde, so muss ich mich mit dem Briefe begnügen.

Während der letzten und dieser Woche habe ich mich mit vielen Mitgliedern der Bundesversammlung über unsere grosse Frage unterhalten und die Überzeugung gewonnen, dass die Frage Ihres Verbleibens in der Direction auch unter den Freunden des Gotthard lebhaft besprochen wird. Die Eröffnungen welche mir direct und indirect gemacht wurden, sind derart, dass ich es in meiner Pflicht erachte, Sie darüber nicht im Unklaren zu lassen, um so mehr als ich nicht annehmen kann, dass | Sie seit Ihrem Weggang von Bern darüber in Kenntniss gesetzt worden seien. Ich muss es Ihnen ohne Umschweif sagen, so leid es mir auch thut, dass eine Reihe der besten Freunde unserer Sache das Opfer Ihres Rücktrittes für das Gelingen des Werkes erforderlich hält. Würde es sich bloss um das Geschrei der Feinde handeln, so gäbe ich nicht viel darum, aber wie die Sachen liegen halte ich die Frage für äusserst wichtig. Meine eigene Meinung kennen Sie. Ich muss nur eines wiederholen und besonders betonen, nämlich das, dass ich selbstverständlich keineswegs die Überzeugung habe, es werde Ihre Demission den Erfolg der bevorstehenden politischen Action garantiren, ich constatire nur die Thatsache, dass im eigenen Lager die Meinung besteht und die Oberhand hat es könnte dadurch das Gelingen | erleichtert werden. – Ich will mich auf Einzelheiten, die ich später nachholen kann, nicht einlassen und überhaupt alle Reflexionen vermeiden. Ich habe ein Recht vorauszusetzen, dass Sie so wenig über den Zweck meines Schrittes als über die Gefühle mit denen ich ihn thue, irgendwie im Zweifel sein können. Unser Verhältniss hat sich auf gegenseitigem Vertrauen aufgebaut und dadurch erhalten und ich hielte es weder Ihrer noch meiner würdig, wenn ich einen Augenblick Ihnen gegenüber anders als offen und wahr sein wollte.

Wie auch Ihre Entschliessung ausfallen möge, bitte ich Sie um das eine, dieselbe zu beschleunigen und bekannt zu geben.1 Entschliessen Sie sich zum Rücktritt, so wird dieser Schritt allein von Erfolg sein wenn er bald gethan wird; das Schlimmste wäre für Freund und Feind die fortdauernde Unsicherheit. |

Alles andere verspare ich bis zu unserer nächsten persönlichen Begegnung2 und verbleibe in steter wahrer Freundschaft

Ihr

E Welti

Bern
28. Juni 1878.

Kommentareinträge

1Escher kam in einem Brief vom 2. Juli 1878 beim Verwaltungsrat der Gotthardbahn-Gesellschaft um seine definitive Entlassung nach. Am 5. Juli 1878 wurde dieser Brief vollumfänglich in der NZZ veröffentlicht. Vgl. NZZ, 5. Juli 1878; Alfred Escher an Verwaltungsrat Gotthardbahn, 2. Juli 1878; Emil Welti an Alfred Escher, 3. Juli 1878.

2Am 1. Juli 1878 fanden in Olten Verhandlungen zwischen Escher, dem Verwaltungsratspräsidenten Carl Feer-Herzog und Welti statt, welche den Rücktritt Eschers zum Gegenstand hatten. Josef Zingg an Alfred Escher, 4. Juli 1878.