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Korrespondenz: Alfred Escher – Emil Welti

AES B3171 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#547*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 353

Emil Welti an Alfred Escher, Bern, Samstag, 22. Juni 1878

Schlagwörter: Bundesrat, Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Gotthardbahnkonferenzen, Gotthardbahnprojekt, Krankheiten, Vereinigte Bundesversammlung, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Hochgeehrter Herr und Freund

Gestern hat der Bundesrath seinen Beschluss in Gotthardsachen gefasst;1 er schlägt der Bundesversammlung die Übernahme der ganzen schweizerischen Subvention, abzüglich der auf die Bahnen fallenden Quote, vor und beantragt das Referendum welches mit allen gegen die Stimme von Anderwert u die | meinige beschlossen worden ist. Über die andern unsere Beschlüsse begleitenden zum Theil eigenthümlichen Vorgänge behalte ich mir mündliche Mittheilungen vor.

Der Bericht der Experten2 ist formell noch nicht abgeschlossen; dagegen ist in einer Tabelle ziffermässig das Endresultat festgesetzt. Die Experten erklären den Devis der Luzernercon| ferenz inclusive Zinsen bis Ende vorigen Jahres als zureichend und rechnen dann allerdings die Zinsen des Jahres 1878 noch hinzu.3

Bei den Tunelbaukosten haben sie für totale Ausmauerung Fr. 6500 000 mehr eingestellt, erklären aber in Änderung der früheren Fassung des Berichtes, dass diese Einstellung nur eine sehr eventuelle sei und dass für die | gänzliche oder theilweise Ersparniss dieser Summe grosse Wahrscheinlichkeit vorhanden sei.

Wie die Sachen lagen kann man mit dem Endresultate relativ zufrieden sein. Die Hauptsache ist die dass man nun fest behaupten kann die Rechnung der Luzerner Conferenz ist von den Experten gutgeheissen. Dass die seither aufgelaufenen Zinse für ein verlornes Baujahr dazu kommen | wird jedermann begreifen.

Die Notiz aus dem Pungolo4 habe ich verwerthet und den Präsidenten5 ersucht sofort die nöthigen Schritte in Berlin zu thun.

Dass wiederum unwohler geworden sind, thut mir von Herzen leid. Bleiben Sie doch mindestens so lange zu Hause bis Sie sich wieder einigermassen besser fühlen. Mehr| kann und will ich Ihnen nicht zumuthen.

Sobald etwas irgendwie bemerkenswerthes zu berichten ist, erhalten Sie von mir Mittheilung.

Von ganzem Herzen

Ihr

E Welti

Bern
22. Juni 1878.

Kommentareinträge

1 Vgl. Prot. BR, 21. Juni 1878.

2 Vgl. Bridel/Dapples/Koller, Experten-Gutachten; Joachim Heer an Alfred Escher, 15. April 1878.

3Aufgrund der verzögerten Bauausführung nahmen die Experten als Vollendungstermin statt dem 1. Oktober 1881 den 1. Juli 1882 an. Sie errechneten für diese Verzögerung zusätzliche Zinskosten von rund 3 Mio. Franken. Inklusive der zusätzlichen Kosten für Zentralverwaltung und Bauleitung sowie einer Reserve für etwaige Verzögerungen ergab sich als Folge des verschobenen Bautermins ein Mehraufwand von 4 Mio. Franken. Vgl. Bridel/Dapples/Koller, Experten-Gutachten, S. 155–165.

4Zeitungsausgabe nicht ermittelt.

5Gemeint ist vermutlich der Bundespräsident. 1878 war dies Karl Schenk.