Navigation

Korrespondenz:
  • 1820
  • 1830
  • 1840
  • 1850
  • 1860
  • 1870
  • 1880
  • o. J.

AES B3156 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#72*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 350

Verwaltungsrat Gotthardbahn an Alfred Escher, Luzern, Dienstag, 21. Mai 1878

Schlagwörter: Demissionen, Eisenbahngesellschaften Krise/Rekonstruktion, Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Krankheiten

Luzern den 21ten Mai 1878

Der Verwaltungsrath der Gotthard-Bahn-Gesellschaft an

Herrn Dr Alfred Escher Präsidenten der Direction in Zürich .

Hochgeachteter Herr!

Es sind uns in unserer heutigen Sitzung ihre zwei geehrten Zuschriften vom 8ten und 30ten April vorgelegt worden.

In der ersten theilen Sie uns mit, daß Sie im Grund satze auf Ihrem ältern Entlaßungsbegehren beharren, indem die Situation welche daßelbe hervorgerufen hat, sich zweifelsohne erneuern werde, daß Sie aber Ihre Funktionen einstweilen fortsetzen.

Mit dem zweiten reichen Sie Ihre Demission endgültig ein, indem die erneuerten Schritte des Stadtrathes Luzern Ihnen die Pflicht auferlegen, durch Ihre persönlichen Verhältniße kein Hinderniß zur Rekonstruktion des Gotthardunternehmens zu bilden. Sie fügen aber gleichzeitig bei, daß der Zustand Ihrer Gesund heit, in der jüngsten Zeit, Sie, unabhängig von dem erstern Umstande, zwingt, auf ein so ausgedehntes Arbeitsfeld, für die Zukunft, Verzicht zu leisten, wenn nicht der Rest Ihrer Tage durch fortwährende Leiden verbittert werden soll.

Bei der Behandlung Ihrer genannten Zuschriften waren wir gleichzeitig in der Lage, die jüngsten Begehren des Stadtrathes Luzern und die Nothwendigkeit ins Auge zu faßen in der nächsten Zukunft eine neue Stelle in der Direktion der Gotthardbahn zu besetzen und wir haben auf den vereinigten Antrag unseres Präsidiums und des Vice-Präsidiums der Direktion folgenden Beschluß gefaßt:

Der Verwaltungsrath der Gotthardbahngesellschaft

unter Bezugnahme auf das erneuerte Entlaßungsgesuch des Herrn Dr Alfred Escher von der Stelle eines Präsidenten und Mitgliedes der Direktion datirt vom 30ten April a. c. | auf die Korrespondenz zwischen dem Stadtrathe von Luzern und der Direktion datirt vom 4ten 1 und 13ten Mai a. c. 2

beschließt:

I Der transitorische Beschluß vom 2ten April 1872 litt. b. 3 wird aufgehoben in der Meinung, daß das technische Centralbureau in seinem ganzen Umfange bei Anlaß der Wiederbesetzung der in der Direktion vakanten Stelle nach Luzern verlegt werden soll.4 II Das Präsidium erhält den Auftrag, Herrn Dr Alfred Escher zu ersuchen, seine Entlaßung zurückzuziehen und fortan unter Entlastung von der Leitung des Bauwesens und unter Bei behaltung seines bisherigen Wohnsitzes in Zürich , die Funktionen eines Präsidenten der Direktion mit einem Geschäftskreise auszu üben, deßen nähere Bestimmung im Sinne von Art. 4 und Art. 6.1 [...3?] der Geschäftsordnung vom 2ten April 1872 5 , vorbehalten bleibt. III Die Direktion wird eingeladen dem Verwaltungsrathe der veränderten Sachlage entsprechend neue Vorschläge zur Ersetzung des transitorischen Beschlußes sowohl, als des Geschäftsreglementes zu hinterbringen.6

Wir erlauben uns nun diesen Beschluß mit einigen Worten zu begleiten.

Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Fülle der Arbeitslast, welche vorschriftsgemäß dem 1ten Departement aufliegt und welche durch die Schwierigkeiten der Rekonstruktion seit zwei Jahren in bedeutendem Maaße gesteigert worden ist, die Kräfte eines Einzelnen und selbst Ihre eigenen ausnahmsweisen, übersteigt. – Wir haben denn auch längst mit innigem Bedauern wahrgenommen, daß Ihre Gesundheit durch diese ungewöhnliche Bürde in hohem Grade angegriffen wird, und glauben deßhalb auf eine Lösung hinarbeiten zu sollen, welche sowohl dem Intereße | des Unternehmens, als Ihren eigenen persönlichen Verhältnißen gerecht wird.

Sie sind immer die hauptsächlichste Stütze des Gotthard gewesen. – Wenn derselbe zur Verwirklichung herangereift, durch internationale Verträge möglich gemacht, finanziell begründet, und in Ausführung gesetzt worden ist, so gebührt Ihnen daran das vorwiegendste Verdienst. Wenn aber das Unternehmen heute mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen hat, bei denen es sich um die Fortdauer oder um den Untergang deßelben handelt, so können Sie sich in diesem gegenwärtigen Momente von seiner Leitung nicht lossagen. – Es giebt Stellungen die vielleicht nicht zu den dankbarern, wohl aber zu den hervorragendern und ehrenvollern gehören, deren Träger berufen sind, bis zum letzten Augenblicke auszuharren. Eine solche ist die Ihrige. –

Wir hoffen durch die citirten Beschlüße eine Lösung vor bereitet zu haben, welche nach allen Richtungen befriedigen und welche namentlich auch von Ihnen angenommen werden dürfte. Ihr fortdauernder Wohnsitz in Zürich bleibt dadurch unbestritten, Ihr Geschäftskreis wird in einem Maaße entlastet, daß dadurch hoffentlich Ihre Gesundheit sich wieder gänzlich erholen kann.

Eine Umarbeitung des Geschäftsreglementes der Direktion wird es möglich machen, Ihnen als Präsident diejenigen Befugniße und Zweige zuzutheilen, welche der Natur der Sache nach mit dieser Stellung verbunden sein müßen. – So hoffen wir denn Ihnen die Möglichkeit bieten zu können, auf Ihren unterm 30ten April mitgetheilten Entschluß zu verzichten und ersuchen Sie unter Hinweisung auf die von uns angebahnten Aenderungen in der Organisation der Direktion, Ihr Entlaßungsbegehren zurückzuziehen.

Genehmigen Sie, hochgeehrter Herr, die Versicherung unserer Hochachtung und Ergebenheit:

Der Praesident des Verwaltungsrathes

Feer-Herzog

Der Secretär:

Schweizer

Kommentareinträge

1 Vgl. Schreiben Stadtrat von Luzern an Dir. GB, 4. Mai 1878 (SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_057 ).

2Schreiben nicht ermittelt.

3 «Es habe, so lange Herr Escher die ihm von dem Verwaltungsrathe übertragene Stelle bekleidet, a) das Sekretariat des Präsidiums und des Herrn Escher zugetheilten I. Departementes, sowie das zugehörige Hülfspersonal, b) der Oberingenieur der Gotthardbahn und dasjenige Personal des technischen Zentralbureau's, das, um dem Oberiningenieur die ungehemmte Erfüllung seiner amtlichen Obliegenheiten zu ermöglichen, sich in seiner unmittelbaren Umgebung befinden muss, seinen Wohnsitz in Zürich zu nehmen.» Dir./VR GB, Transitorischer Beschluss.

4Der vorliegende Beschluss war vorgängig zwischen Zingg, Feer-Herzog und Escher abgesprochen worden: « Feer-Herzog erklärt sich mit unserm Vorschlage einverstanden, nur findet er den Ausdruck ‹technische Centralverwaltung› nicht deutlich genug, weil a des transitorischen Beschlusses Z. bleibe und es sich nur um Verlegung b (Bauverwaltung) handle.» Telegramm Josef Zingg an Escher, 4. Mai 1878 (BAR J I.67-8).

5Aufgaben des Präsidenten der Direktion gemäss Art. 4: «Dem Präsidium der Direktion [...] liegt die allgemeine Leitung der Geschäfte der Direktion, die Oberaufsicht über die Direktionskanzlei und das Archiv, sowie, unter Vorbehalt besonderer fachbezüglicher Bestimmungen und Schlußnahmen, die Vertretung der Direktion nach außen ob.» – Aufgaben im Rahmen des Geschäftskreises des Ersten Departementes gemäss Art. 6: «1. alle Angelegenheiten, welche einen ausschließlich oder vorherrschend eisenbahnpolitischen Charakter haben; 2. das gesammte Bauwesen mit Ausschluß des Hochbaues und der Beschaffung des Rollmateriales; 3. den Verkehr mit den Behörden und mit andern Eisenbahnverwaltungen, soweit es sich um Gegenstände handelt, welche ausschließlich oder vorherrschend den Geschäftskreis des I. Departementes beschlagen.» Dir./VR GB, Geschäftsordnung der Direktion der Gotthardbahn.

6Die NZZ brachte den Inhalt des Beschlusses des Verwaltungsrates der Gotthardbahn-Gesellschaft am 23. Mai 1878 als Mitteilung aus der «Thurgauer Zeitung». Vgl. NZZ, 23. Mai 1878.