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Korrespondenz: Alfred Escher – Josef Zingg

AES B3155 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#569*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 349 | Jung, Aufbruch, S. 670–671 (auszugsweise) | Gagliardi, Escher, S. 645 (auszugsweise)

Josef Zingg an Alfred Escher, Luzern, Montag, 20. Mai 1878

Schlagwörter: Eisenbahnen Finanzierung, Eisenbahngesellschaften Krise/Rekonstruktion, Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Gotthardbahnprojekt, Staatsverträge, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Hochverehrter Herr Präsident!

Ich vernehme soeben, was ich aller dings seit Samstag zu befürchten ange fangen, daß der Entscheid des Zürcherschen Volkes gegen die Subvention aus gefallen ist. Das ist wohl der schwerste Schlag, der gegen Sie & die Rekonstruktions bestrebungen geführt werden konnte. Es wird uns, wie Sie richtig sagten, nichts erspart. Man steht wie vor einem Räthsel, wenn man bedenkt, daß der Kanton Zürich mit 20 bis 30 Millionen Franken in dem Unter nehmen der GB. engagirt ist & die | vielseitigsten Verkehrsintereßen sich an die baldige Ausführung des Unternehmens knüpfen & daß trotzdem die Bevölkerung ein mäßiges Opfer zur Wahrung dieser enormen Capitalien der eigenen Landesangehörigen & der Intreßen des ganzen Landes ablehnen konnte! –

Es wird wohl nöthig sein, in Folge der durch diese Entscheidung geschaffenen Situation beförderlich mit Mit gliedern des Bundesrathes in Rük sprache zu treten & gedenke ich spätestens Morgen Abend zu diesem Zweke nach Bern zu gehen, wenn Sie mir nicht etwas Anderes empfehlen. |

Bei einer vorläufigen Durchsicht der Zschokke'schen1 Zwischenberechnung 2 habe ich gefunden, daß das von ihm herausge rechnete Plus von 13½ Mill. Franken wesentlich daher kommt, daß er

1.) für die Jahre 1882 & 1883 (v. 1. 8br 1881 bis 1. 8br 1883) noch eine Zinsausgabe in Rechnung bringt von fs. 9.060,000.
2.) dazu eine Bankprovision v. ⅓% für den Umsatz schlägt: 535,570 &
3.) daß er die Aktien & Obligationen früher einzahlen läßt, als der Berlinervertrag 3 annimmt & daher an Paßivzinsen mehr berechnet, als nach der succeßiven Einzahlg erforderlich ist ca 1.070,000 fs.
10.665,570|

Die weitere Differenz bis auf 13½ Mill. Franken wird wahrscheinlich in der Art & Weise der Berechnung der Aktivzinsen seine Erklärung finden. –

In der Anlage übermache ich Ihnen zur gefälligen Einsicht einen Brief4 des Herrn Dr. Winkler , welcher mir diesen Morgen zugegangen ist. Der Entscheid v. Zürich wird nun ohne Zweifel alle günstigen Dispositionen ändern. Wenn Sie nur gesund wären; ich würde dann die Hoffnung, daß wir trotz aller Schwierigkeiten doch zum Ziele gelangen, nicht aufgeben. –

In ausgezeichneter Hochachtung

Ihr freundschaftlich ergebener

J. Zingg.

Luzern d. 20. Mai 1878. –

Kommentareinträge

1 P. Olivier Zschokke (1826–1898), Aargauer Ingenieur, Ständerat (AG), Verwaltungsrat der Rigibahngesellschaft.

2 Bei der Überprüfung des Kostenvoranschlags der Gotthardbahn-Gesellschaft vom April 1878 errechnete Zschokke ein Defizit von 13,5 Mio. Franken. Der «Landbote» in Winterthur publizierte diese Differenzangabe, bezeichnete den angeblichen Rechnungsfehler als «kolossalen Bock» und die Grundlagen des Kostenvoranschlags als «faul und falsch» . Dem Zürcher Stimmvolk empfahl der «Landbote», die Gotthardbahnnachsubvention «mit einem entschiedenen Nein» abzulehnen. Der Landbote, 17. Mai 1878. Vgl. NZZ, 19. Mai 1878, 21. Mai 1878, 22. Mai 1878, 25. Mai 1878; Geschäftsbericht GB 1878, S. 19; Joachim Heer an Alfred Escher, 15. April 1878.

3Gemeint ist vermutlich der am 12. Februar 1878 in Berlin abgeschlossene Nachtragsvertrag zum Vertrag betreffend Beschaffung des Baukapitals der Gotthardbahn von 1871. Vgl. Nachtragsvertrag Beschaffung Baukapital; Die Rekonstruktion der Gotthardbahn, Das Aktien- und Obligationenkapital der Gotthardbahn.

4Beilage nicht ermittelt.

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