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Korrespondenz: Alfred Escher – Emil Welti

AES B3148 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#547*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 345 | Jung, Aufbruch, S. 298–299 (auszugsweise) | Gagliardi, Escher, S. 643–644 (auszugsweise)

Emil Welti an Alfred Escher, Bern, Dienstag, 30. April 1878

Schlagwörter: Bundesrat, Deutscher Bundesrat, Deutscher Reichstag, Krankheiten

Briefe

Hochgeehrter Herr u Freund

Es ist mir sehr leid Herrn Schweizer gestern nicht gesehen zu haben, aber vor allem bedaure ich, dass er uns keine besseren Nachrichten über Ihre Gesundheit brachte. Ich weiss es wohl, dass es wenig ändern wird, wenn ich Sie wiederholt bitte, Sie möchten sich selbst auch Ihrer Sorge werth halten; aber gleichwol halte ich es für meine Pflicht Sie darauf | aufmerksam zu machen, dass Sie, ganz abgesehen von andern Gründen, unserer gemeinsamen Aufgabe nicht dienen, wenn Sie in den Anforderungen an sich selbst alle erlaubten Grenzen überschreiten.

Auf die Anfrage, welche Sie durch Herrn Schweizer stellen liessen, gebe ich absolut dieselbe Antwort wie Herr Heer; wie sehr ich Ihre Meinung theile mögen Sie daraus ersehen, dass ich gestern Herrn Heer dieselbe Ansicht äusserte, ohne noch Ihren Vorschlag zu kennen. | Nach einem Berichte von Roth1 ist heute der Antrag des Bundesrathes im Reichstag eingebracht worden;2 die Aussichten seien ganz gut, trotz der Spannung zwischen der national liberalen Partei und der Regierung. Aus Italien wissen wir nichts, als dass sich der Bauminister3 jüngst gegen Herrn Pioda «sehr günstig über die Gotthardfrage ausgesprochen habe». An Melegari4 haben wir hier gar nichts mehr. Im grossen ganzen dürfen wir mit dem Gang der letzten Monate zufrieden sein; es geht langsam aber doch | vorwärts. Von der Oltener Sonderbundsconferenz wissen wir nur soviel, dass eine Eingabe an den Bundesrath beschlossen und die Regierung von St. Gallen5 mit der Redaction beauftragt worden sei.6 Freiburg hat an der Conferenz ebenfalls theil genommen.

Empfangen Sie meine besten Wünsche u Grüsse

Ihr Erebenster

E Welti

Bern
30. April 1878.

Kommentareinträge

1 Arnold Roth (1836–1904), ausserordentlicher Gesandter und bevollmächtigter Minister der Schweiz in Berlin.

2Der Nachtragsvertrag wurde im Reichstag am 30. April 1878 als Vorlage eingebracht, war aber noch nicht Gegenstand der Verhandlung. Vgl. Sten. Bericht deutscher Reichstag, 30. April 1878 (S. 945).

3 Alfredo Baccarini (1826–1890), Minister für öffentliche Arbeiten des Königreichs Italien.

4 Luigi Amedeo Melegari (1805–1881), ausserordentlicher Gesandter und bevollmächtigter Minister des Königreichs Italien in Bern.

5Sofortige Korrektur, zuvor: «Freiburg» .

6An der am 29. April 1878 in Sachen der geplanten Bundessubvention gehaltenen Konferenz nahmen St. Gallen, Freiburg, Graubünden, Waadt, Wallis und Genf teil. Die Teilnehmer sprachen sich gegen die Subvention aus. Mit Schreiben vom 11. Juni reichte die Regierung von St. Gallen die angekündigte Eingabe ein. Der Bundesrat trat auf diese nicht ein, da kurz darauf seine, den Wünschen der Eingabe allerdings entgegengesetzte Botschaft bezüglich der Gotthardbahn-Gesellschaft erschien. Vgl. NZZ, 27. April 1878, 1. Mai 1878; Prot. BR, 24. Juni 1878.