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Korrespondenz: Alfred Escher – Emil Welti

AES B3103 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#186* (Abzug)

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 334

Alfred Escher an Emil Welti, Zürich, Mittwoch, 23. Januar 1878

Schlagwörter: Bundesrat, Eisenbahnen Finanzierung, Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Gotthardbahnprojekt, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Hochverehrter Herr & Freund!

Vor mir liegt eine Zeitung, aus der ich die Bedingung 3.)1 entnehme, welche der Bundesrath an eine Bundessubvention für die Gotthardbahn zu knüpfen beschlossen hat. Dieser Beschluss wurde am 19. Vormittags2 gefaßt. Nachmittags hatte ich mit Ihnen & Hrn. Heer die Besprechung über die Differentialtaxen, einen mit der Bedingung 3.) des Bundesrathes nicht zusammen fallenden, aber doch zusammenhängenden Gegenstand.3 Bei dieser Besprechung wurde mir kein Wort von der Bedingung 3.) gesagt. Ich weiss mir diesen Vorgang nicht zurecht zu legen & bitte deshalb | um gütigen Aufschluß.

Was den Inhalt der Bedingung 3.) anbetrifft, so würde in Folge derselben die Gotthardbahn selbst für die Bergstrecken viel ungünstigere Tarifbestimmungen erhalten, als alle andern Schweizerischen Bahnen. Daß unter solchen Umständen das Consortium einen vom rechtlichen & moralischen Standpuncte aus durchschlagenden Grund für die Verweigerung der Abnahme der IV. Obligationenserie4 bekäme & von Beschaffung des weiter erforderlichen Privatcapitales von 12 Millionen Franken5 nicht die Rede sein könnte, steht bei mir außer Zweifel.

Entschuldigen Sie diesen Herzenserguß in spätester Abendstunde: aber ich konnte ihn weder unterdrücken noch verschieben! Morgen früh soll ich nach Luzern zur Sitzung reisen.

Voll Spannung Ihrer gef. Rückäuße| rung entgegensehend, verbleibe ich mit freundschaftlichem Gruße

Ihr bald zu Tode gehetzter

Dr A Escher

Zürich
23. Janr 1878.

Kommentareinträge

1 «3) daß die Gotthardbahngesellschaft sich in verpflichtender Weise dahin erkläre, die durch Artikel 8 des internationalen Vertrages von 1869 für den Transitverkehr zwischen Deutschland und Italien normirten Maximaltaxen auch im direkten Verkehr zwischen der Schweiz und Italien als Maximalsäze anzuerkennen und demgemäß auf diejenigen höhern Ansäze zu verzichten, zu deren Bezug sie durch einzelne kantonale Konzessionen berechtigt gewesen wäre.» Botschaft BR GB 1878, S. 70. Vgl. NZZ, 22. Januar 1878; Joachim Heer an Alfred Escher, 15. März 1878.

2 Vgl. Prot. BR, 19. Januar 1878.

3Das schweizerische Eisenbahngesetz von 1872 bestimmte, dass Taxen «überall und für Jedermann gleichmässig berechnet werden» sollten und die Eisenbahnen niemandem einen Vorzug einräumen durften, den sie nicht auch allen anderen gestatteten. Dem Bundesrat stand die Berechtigung zu, die Aufhebung oder Modifikation von diesem Grundsatz der Gleichberechtigung zuwiderlaufenden Differentialtarifen zu verlangen. Somit handelte es sich bei den unterschiedlichen Tarifen, welche die Gotthardbahn für den deutsch-italienischen und den schweizerisch-italienischen Verkehr hätte berechnen dürfen, wohl um Differentialtarife. Eisenbahngesetz 1872, Art. 35. – Tatsächlich wurde die Bedingung 3, wie Welti am 25. Januar Escher schreibt, in Zusammenhang mit der Diskussion über die Differentialtarife aufgestellt. Emil Welti an Alfred Escher, 25. Januar 1878.

4Das Finanzkonsortium hatte sich geweigert, den ursprünglich auf den 31. März 1877 festgelegten Termin für die Abnahme der vierten Serie des Obligationenkapitals wahrzunehmen. Erst im Februar 1878 wurden die bezüglichen Verhandlungen zwischen der Gotthardbahn-Gesellschaft und dem Konsortium abgeschlossen. Die Rekonstruktion der Gotthardbahn, Absatz 20.

512 Mio. Franken des an der internationalen Konferenz 1877 in Luzern festgestellten Defizits von 40 Mio. Franken musste die Gotthardbahn-Gesellschaft als zusätzliches Investitionskapital beschaffen. Die Rekonstruktion der Gotthardbahn, Absatz 11.