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Korrespondenz: Alfred Escher – Josef Zingg

AES B3098 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#569*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 331

Josef Zingg an Alfred Escher, Luzern, Samstag, 12. Januar 1878

Schlagwörter: Eisenbahnen Finanzierung, Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Gotthardbahnprojekt, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Hochverehrter Herr Präsident!

Gestern Abend sind wir von Frankfurt a.M. zurük gekehrt. Der formelle Gang der Verhandlungen1 daselbst war folgender: den 10. Vormittags 9 Uhr trat der Ausschuß des Consortiums zu einer Be rathung zusammen 2 , 12 Uhr das ganze Consortium. 3 Nachmittags 3 Uhr wurden wir zu den Verhandlungen eingeladen. Man eröffnete uns, zu welchen Ent schließungen das Consortiums auf unsere Propositionen v. 14 Dec.4 abhin gekommen sei & ersuchte uns in den Punkten, in denen es eine Aenderung wünschte, um unsere Aeußerung. Hernach stellte das Consortium das Protokoll fest, das uns zur Aeußerung über mittelt werden soll, in der Meinung, daß dann damit die Correspondenz ein Ende haben & zur Feststellung eines Vertrages übergegangen werden solle. –

Anlangend den materiellen Inhalt der Verhandlungen, so ward uns zunächst mitgetheilt, daß sich das Consortium | mit der Genehmigung des Finanzausweises durch den Bundesrath nicht begnügen könne, sondern die Bedingung stellen müße, daß in irgend welcher Form auch die Zustimmung der Regierungen v. Dtschld. & Italien zum Kostenvoranschlag & eine Aeußerung beigebracht werde, daß sie die Summe zur Ausführung des reduzirten Netzes als ausreichend erachten.5 Wir haben uns selbstverständlich hiegegen ausgesprochen & auf das Unthunliche hingewiesen, uns eine Vertragsbedingg. zu stellen, deren Erfüllung gar nicht in unsrer Hand liege. Die Berliner6 blieben jedoch hartnäkig auf ihrer Forderung. –

In Betreff des zweiten Punktes (Aktieneinzahlung)7 ward uns bemerkt, daß das Consortium damit einverstanden sei, daß z. Z. nur derjenige Betrag effektiv eingefordert werde, den es nach Abzug der Bauzinse bis Ende 1881 zu zahlen betreffe; es wünsche jedoch, daß die Titel nicht durch anticipationsweise Verrechnung der Zinse, welche man unzuläßig erachte, liberirt werden, sondern daß die künftigen Zinscoupons nicht effektiv ausbezahlt, und succeßive als Einzahlung verrechnet & abgestempelt | werden & der Gesellschaft noch die Möglichkeit bliebe, später allfällig auch noch eine effektive Zahlung zu verlangen. Die Berliner wollten – wie ich nachträglich erfahren – die sofortige Zahlung der restanzl. Raten ohne Zinsenverrechnung; mit 8 gegen 6 Stimmen ward sodann obiger Vermittlungsantrag v. Oppenheim 8 angenommen, mit dem wir uns, wie ich denke, auch begnügen können. –

Die von uns gewünschte Ratenweise Einzahlung der Obligationen während den ersten 2 Jahren lehnt das Consortium ab; es will die Obligationen nur nach dem Verhältniß des Fortschritts der Arbeiten zum gesammten Obligationenkapital abnehmen. Hinwieder erklärt es sich bereit, inzwischen der Gesellschaft die erforderlichen Mittel bis zu einem zu vereinbarenden Betrage gegen Verpfändung oder Cession des je das folgende Baujahr fällig werdenden Subventionsbe trage vorzuschießen. Wir haben dem Consortium erklärt, daß wir bereit seien, demselben bezüglich der Abnahme der Obligationen so weit nur immer thunlich entgegenzukommen, aber daß wir darauf Bedacht nehmen | müßen, daß die Gesellschaft im Besitze der zum Bau erforderlichen Mittel sei & daß wir das Unternehmen nicht mit größern Zinsen belasten können. Hr. Oppen heim bemerkte darauf, daß das Geld nach seiner Ansicht zum gleichen Zinsfuß vorgeschoßen würde, zu dem die Obligationen emittirt werden. Andere, wie z. B. Hr. Stoll9 , wollten indeßen dieser Ansicht noch nicht beistimmen. Diese ganze, von Hrn. Dir. Stoll ausgehende Combination, muß jedenfalls noch ein gehender geprüft werden & wir haben uns eine solche Prüfung noch speciell vorbehalten. –

Man erklärte uns auch, daß das Consortium keine Verpflichtungsscheine ausstellen wolle. Ich habe übrigens aus der diesfalls gepflogenen Er örterung den Eindruk erhalten, daß dieser Punkt sich ohne Schwierigkeit wird reguliren laßen. –

Anlangend endlich die Höhe der in I. Hypothek zu stellenden Obligationssumme, so erklärte das Consortium, daß es damit einverstanden sei, über die 68 Mill. fs. hinaus noch weitere 4 Millionen | in die erste Hypothek aufzunehmen; hinwieder könne sich z. Z. das Consortium nicht entschließen, diese weitern 4 Millionen selbst zu übernehmen. Auf unsere Vor stellungen, daß die erste Hypothek mindestens auf 74 Millionen ausgedehnt werden müße, ließ man durch bliken, daß dieß wahrscheinlich nicht Anstand finden dürfte, wenn die übrigen Punkte in befriedigender Weise geordnet werden. Die Hrn. Oppenheim & Weber10 haben nach der Sitzung sich unumwunden für dieses Zu geständniß ausgesprochen. –

Dieß das Wesentliche der Verhandlungen. Weiter war für einsweilen nicht zu kommen, da die anwesenden Mitglieder des Consortiums, wie mir scheint, zunächst nun wieder die Zustimmung ihrer Mandatare, Verwaltungsräthe etc einzuholen wünschen. Obschon mir die Begehren zu 1. & 3. nicht recht behagen wollen, so habe ich doch den Eindruk, daß wir zu einer Verständigung gelangen & zwar zu ziemlich befriedigenden Bedingungen. Ein Hauptpunkt, die Emißion v. weitern 6 Millionen in erster Hypothek, erachte ich als erreicht. 11 | In den Verhandlungen selbst herrschte ein freundlicher Ton. Es geht jedenfalls ein anderer Wind, als vor drei Monaten.

Indem ich mich vorläufig auf diese flüchtigen Notizen beschränke, behalte ich mir vor, Ihnen nächsten Montag mündlich noch eingehendern Bericht zu erstatten.

Genehmigen Sie inzwischen die Versicherung meiner vorzüglichen Hochachtung & freundschaftlichen Ergebenheit.

J. Zingg.

Luzern d. 12. Jänner 1878.

HHrn. Präsident Dr. A. Escher in
Zürich .

Kommentareinträge

1Im Spätjahr 1877 kam es zwischen dem Finanzkonsortium und der Gotthardbahn-Gesellschaft zu einem Streit über die Anerkennung der Rechtspflicht zur Abnahme der vierten Obligationenserie. Nachdem das Konsortium am 20. November 1877 in Frankfurt am Main seine Bedingungen für die Abnahme der vierten Tranche des Obligationenkapitals formulierte hatte, antwortete die Gotthardbahn-Gesellschaft am 14. Dezember 1877 mit einer Reihe von Gegenvorschlägen, welche in der im vorliegenden Brief angesprochenen Konferenz vom 10. Januar 1878 verhandelt wurden. Vgl. Prot. VR SKA, 24. November 1877 (S. 500–503), 22. Dezember 1877 (S. 517–519), 18. Januar 1878 (S. 527–531); NZZ, 14. Januar 1878; Carl Feer-Herzog an Alfred Escher, 8. September 1877; Alfred Escher an Joachim Heer, 15. Oktober 1877; Telegramm Josef Zingg an Escher, 17. September 1877 (BAR J I.67-6.61) Die Rekonstruktion der Gotthardbahn, Absatz 20.

2 Vgl. Prot. VR SKA, 18. Januar 1878 (S. 527–528).

3 Vgl. Prot. VR SKA, 18. Januar 1878 (S. 528–531).

4Die Gegenvorschläge sind im Protokoll des Verwaltungsrats der SKA abgedruckt. Vgl. Prot. VR SKA, 22. Dezember 1877 (S. 517–518).

5Der Schweizer Bundesrat, die Regierung des Königreichs Italien und diejenige des Deutschen Reichs gaben nach der Prüfung des von der Gotthardbahn-Gesellschaft erstellten Finanzausweises im Verlaufe des Jahres 1879 die vom Finanzkonsortium gewünschte Erklärung ab, dass sie den im Schlussprotokoll der internationalen Konferenz vom Juni 1877 in Luzern vorgesehenen Mehrbedarf von 40 Mio. Franken für die Ausführung des reduzierten Netzes als ausreichend erachteten. Die Rekonstruktion der Gotthardbahn, Absatz 16.

6Gemeint sind die Disconto-Gesellschaft und das Bankhaus S. Bleichröder, beides in Berlin ansässige und an der Sitzung vom 10. Januar 1878 in Frankfurt am Main vertretene Mitglieder des Finanzkonsortiums. Vgl. Prot. VR SKA, 18. Januar 1878 (S. 528).

7Auf das Aktienkapital von insgesamt 34 Mio. Franken waren bis Ende des Jahres 1875 drei Einzahlungen im Gesamtbetrag von rund 20,4 Mio. Franken erfolgt. Die ursprünglich auf den 31. Dezember 1876 eingeforderte Einzahlung einer vierten Rate des Aktienkapitals im Betrag von 6,8 Mio. Franken zeitigte aufgrund des ungewissen Ausgangs der Rekonstruktionsbemühungen nur spärliche Erfolge und musste mehrmals verschoben werden. Die Rekonstruktion der Gotthardbahn, Das Aktien- und Obligationenkapital der Gotthardbahn.

8 Eduard von Oppenheim (1831–1909), Kölner Bankier, Teilhaber am Bankhaus Salomon Oppenheim junior und Compagnie.

9 Georg Stoll (1818–1904), Vizepräsident des Verwaltungsrats der Schweizerischen Nordostbahn, Direktionsmitglied der Schweizerischen Kreditanstalt.

10 Wilhelm Weber (1832–1899), Syndikus des Berliner Bankhauses S. Bleichröder.

11In einer am 4. März 1879 abgeschlossenen Vereinbarung verpflichteten sich die Direktion der Disconto-Gesellschaft, die Bank für Handel und Industrie sowie das Bankhaus S. Bleichröder zur Übernahme der 6 Mio. Franken 5%-Obligationen. Vgl. Bericht GV GB 1879, S. 21; Prot. VR SKA, 6. März 1879 (S. 638–640); Die Rekonstruktion der Gotthardbahn, Absatz 20.