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Korrespondenz: Alfred Escher – Emil Welti

AES B3074 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#547*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 326

Emil Welti an Alfred Escher, Bern, Freitag, 2. November 1877

Schlagwörter: Eisenbahngesellschaften Krise/Rekonstruktion, Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Hochgeehrter Herr und Freund

Ich danke Ihnen für die heutige telegr. Mittheilung1. Eben ist wieder ein Schreiben von Roth2 angelangt, welches einige nicht uninteressante Data enthält. Der badische Gesandte Freydorf3 hat Roth gesagt, im Bundesrath sei die Gotthardfrage noch nicht zur Behandlung gekommen; letzten Mittwoch habe Hofmann4 am Schlusse der Sitzung mit wenigen Worten über die nunmehrige Sachlage referirt und bemerkt, man stehe zur Zeit mit den Staatsregierungen und den Eisenbahnen, welche früher parcipirt haben5, wegen der Nachsubvention in Unterhandlung; sollten die Bahnen ablehnen, so müsse der Staat in den Riss treten. Eine förmliche Verhandlung habe aber hierüber nicht stattgefunden. Freydorf hätte seinerseits bemerkt, er wisse nicht ob Baden eine Nachsubvention bezahlen werde; was die preussischen Eisenbahnen anbetreffe, so sei an | eine solche gar nicht zu denken. Das letztere habe auch Weishaupt in einer Besprechung mit Roth bestätigt.

Aus allem dem ziehe ich den Schluss, dass in Berlin die Sache nicht gehörig betrieben wird und dass wir daher mehr als je drängen müssen.6 Die Zufahrtslinien können nicht angefangen werden bevor die Reconstruction gesichert ist und wenn wir das nächste Jahr nicht bauen können, so schweben wir in der grössten Gefahr. Ich werde daher alles thun, um entsprechende Instructionen an Roth u Pioda zu veranlassen und bin sehr froh, dass Sie Maraini geschrieben haben7, der entweder nicht sehr eifrig ist oder weniger Einfluss hat, als er sich den Anschein giebt.

Mit herzlichem Grusse

Ihr

E Welti

Bern 2. Nov. 1877.

Kommentareinträge

1 «Glaube, Abschluß eines Vertrages unter Ratifikationsvorbehalt wäre vorzuziehen. Deutschland könnte so eher Italien zu schleunigerm Vorgehen veranlaßen. Schreibe an M. » Telegramm Escher an Emil Welti, 2. November 1877 (BAR J I.67-8).

2 Arnold Roth (1836–1904), ausserordentlicher Gesandter und bevollmächtigter Minister der Schweiz in Berlin.

3 Rudolf von Freydorf (1819–1882), Mitglied der zweiten Kammer des badischen Landtags, ehemaliger Aussenminister des Grossherzogtums Baden. – Vermutlich handelt es sich hier um einen Irrtum bei der Namensnennung; ausserordentlicher Gesandter und bevollmächtigter Minister des Grossherzogtums Baden in Berlin war Hans von Türckheim (1814–1892), der auch stellvertretender Bevollmächtigter zum Bundesrat war. Freydorf hingegen war nur bis 1876 Bevollmächtigter zum Bundesrat.

4 Karl von Hofmann (1827–1910), Staatsminister ohne Geschäftsbereich des Königreichs Preussen und Präsident des Reichskanzleramts des Deutschen Reichs.

5Die 1871 beschlossene Subvention des Deutschen Reichs beinhaltete Beiträge verschiedener Bahngesellschaften, beispielsweise der Rheinischen Eisenbahn-Gesellschaft, der Köln-Mindener Eisenbahn-Gesellschaft, der Hessischen Ludwigsbahn und der Bahnen in Elsass und Lothringen. Weiter beteiligten sich die preussische Regierung und das Grossherzogtum Baden. Emil Welti an Alfred Escher, 14. Oktober 1871.

6Am folgenden Tag benachrichtigt Welti Escher über eine Depesche Roths, wonach Deutschland bereit sei, unter gewissen Vorbehalten, namentlich der Ratifikation durch den Reichstag, eine Übereinkunft bezüglich weiterer Subventionen abzuschliessen. Welti schliesst mit den Worten: «So sind wir doch wieder einen Schritt weiter.» Emil Welti an Alfred Escher, 3. November 1877.

7 Vgl. Telegramm Escher an Emil Welti, 2. November 1877 (BAR J I.67-8).