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Korrespondenz: Alfred Escher – Emil Welti

AES B3072 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#547*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 325

Emil Welti an Alfred Escher, Bern, Donnerstag, 1. November 1877

Schlagwörter: Deutscher Reichstag, Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Schweizerische Centralbahn (SCB), Staatsverträge, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Hochgeehrter Herr und Freund.

Wir erhalten eben Berichte von Roth1 über eine Besprechung die er mit Bülow2 hatte. Dieser erklärte, es werde die deutsche Regierung die Ratification des Luzerner Protocolls in der Weise herbeiführen, dass sie sich durch den Reichstag zum Abschluss eines Vertrages werde autorisiren lassen. Auf die Bemerkung von Roth dieser Weg sei den früheren Besprechungen nicht conform und es wäre uns besser damit gedient, wenn der Vertrag mit uns abgeschlossen u nachher von dem Reichstag ratificirt würde, antwortete Bülow «man könnte auch den Vertrag abschliessen u nachher ratifiziren lassen, materiell sei aber damit nichts gewonnen.»

Leider erfahren wir nicht wann der Reichstag zusammentritt.3 Nach meiner Meinung könnte | es uns gleichgültig sein, wie man vorgehen wolle, wenn es in der einen oder andern Form nur bald geschieht. Da wir Roth instruiren müssen wäre es mir lieb bald Ihre Meinung über diese Frage zu kennen. Ich denke Sie könnten mir dieselbe wohl telegr. mittheilen.

Wie wir aus dem Schreiben von Roth erfahren liegt die Verzögerung in der Haltung Italiens das sich wie es scheint bisanhin so wenig gegen Deutschland als gegen uns ausgesprochen hat. Auch nicht im Allgemeinen, sagte Bülow, sei man in Berlin über die Dispositionen des italien. Cabinetts unterrichtet. Vielleicht wäre eine dringende Mahnung Marainis von Ihrer Seite am Platze. Es ist | eigentlich stark und traurig dass wir es uns gefallen lassen müssen, dass Italien, das uns vertragsgemäss seit Ende Juli eine Antwort schuldig ist, bis heute den 1. Nov. kein Wort hat verlauten lassen.

Dass die Centralbahn das Specialprotocoll4 mit Bern verworfen und eine weitere Gothardsubvention rund weg abgelehnt hat, wissen Sie aus den Zeitungen. So zerstört der eine Tag, was der andere aufgebaut hat.

Mit herzlichem Gruss

Ihr

E Welti

Bern 1. Nov. 1877.

Kommentareinträge

1 Arnold Roth (1836–1904), ausserordentlicher Gesandter und bevollmächtigter Minister der Schweiz in Berlin.

2 Bernhard Ernst von Bülow (1815–1879), Staatsminister ohne Geschäftsbereich des Königreichs Preussen, Staatssekretär des Auswärtigen Amts des Deutschen Reichs.

3Die nächste Session des deutschen Reichstags wurde am 14. Januar 1878 einberufen und am 6. Februar 1878 eröffnet. Vgl. Sten. Bericht deutscher Reichstag, 6. Februar 1878 (S. 1).

4Anfang Oktober 1877 fanden in Bern unter Weltis Vorsitz Konferenzen zwischen verschiedenen Kantonen und Bahngesellschaften statt, um über Bedingungen zu beraten, die der Kanton Bern an eine Beteiligung an der Rekonstruktion der Gotthardbahn-Gesellschaft knüpfte. Die in Zusammenhang mit der Linie BernLuzern stehenden und neben Bern nur die Schweizerische Centralbahn betreffenden Punkte wurden in separater Verhandlung zwischen Vertretern des Berner Regierungsrates und der Schweizerischen Centralbahn erledigt. Vgl. Prot. BR, 9. Oktober 1877; Prot. BR, 3. November 1877; Prot. BR, 13. November 1877; Prot. BR, 4. Dezember 1877; Prot. BR, 10. Dezember 1877; Prot. BR, 30. Dezember 1877; Prot. BR, 4. Februar 1878; Prot. Verhandlungen Bern, SCB (6. Oktober 1877); Volmar, Alpenbahnpolitik, S. 162–166; Joachim Heer an Alfred Escher, 16. August 1877; Josef Zingg an Alfred Escher, 29. August 1877; Die Rekonstruktion der Gotthardbahn, Absatz 13.