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Korrespondenz: Alfred Escher – Carl Feer-Herzog

AES B3046 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#61*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 314

Carl Feer-Herzog an Alfred Escher, Aarau, Donnerstag, 13. September 1877

Schlagwörter: Bundesrat, Eisenbahnen Verträge, Eisenbahngesellschaften Krise/Rekonstruktion, Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Gotthardbahnkonferenzen, Schweizerische Nordostbahn (NOB)

F H

Aarau 13 Sept. 1877.

Hochgeachteter Herr und Freund!

Ich antworte erst heute auf Ihr Geehrtes vom 10, 1 , aus Gründen die sich aus dem Nachfolgenden ergeben werden.

Auch laße ich die Bernische Subvention2 un besprochen, da hiefür nach Ihrer Rückkehr noch Zeit genug sein wird.

Die zwei Vorschläge Pressels kenne ich, indem Kaufmann mir darüber einläßlich referirt hat. Ich betrachte nur den ersten Vorschlag als fruchtbar. Der zweite würde eine neue inter nationale Konferenz nöthig machen und damit alle in Luzern gewonnenen Resultate wieder in Frage stellen. Heer und Welti rathen von einem solchen Beginnen ab.

In Bezug auf die Beschlüße der inter nationalen Verifikationskomißion scheinen Sie sich in einem Irrthume zu befinden. Es | ist nur beschloßen worden daß der dießjährige Drittel dem Bundesrathe auf so lange in Verwahrung gegeben werden soll bis die Ergebniße der Luzernerkonferenz gesichert sind. 3

Die 20 Mill. des Konsortialvertrages beschäfti gen mich unabläßig. Wenn wir diese nicht bekommen oder auch wenn sie nur ernstlich be stritten werden sollten, so fällt Alles zu sammen; unsre übrigen Anstrengungen sind nutzlos und die große Summe Ihrer eigenen Arbeit verloren; ja der Plan der Rekon struktion der N.O. bahn kompromittirt.4 Die gänzliche Vollziehung der Verträge vom 10 Nov. 1871 5 repräsentirt den Stützpunkt aller unsrer Bestrebungen. Ich habe die Rechtsfrage für mich reiflich geprüft. Alle Einwendungen die von gegnerischer Seite gemacht werden beruhen auf Unkenntniß der Verträge und der Verhältniße mit Ausnahme einer einzigen und das ist die: daß durch die Luzernerkonferenz der Art. 1. der Statu | ten alterirt sei.6 Daß er nicht alterirt ist oder nur zum Vortheil des Privatka pitals alterirt ist, scheint mir zu bewei sen nicht schwer.

Von dem was ich in dieser Richtung gethan erwähne ich Folgendes:

Ich habe den Vorstand der Aarg. Bank dazu gebracht sich einstimmig für die hierseitige Erfüllung des Vertrages7 auszusprechen. Heute Nachmittags tritt der Verw.Rath zusammen und wenn er ebenso beschließt, so ist meine persönliche Stellung frei. Hr Haberstich 8 ist als Delegirter nach Frankfurt 9 bezeichnet und wird auf der Seite des Konsortiums im Sinne der Gottharddelegirten wirken.

Ihr Bf. hat mich sodann bestimmt nach Zürich zu reisen und dahin zu wirken daß H. Stoll 10 unter allen Umständen nach Frankf. a/m gehe. Wie ich die Personen kenne die dort er scheinen werden halte ich das für eine durchaus unerläßliche Sache. Ich fand den genannten Freund in einer etwas veränder | ten Stimmung. Einstweilen schiebt er sein Ent laßungsgesuch auf und ebenso wollte er nicht nach Frankfurt . Von dem letztern glaube ich ihn abgebracht zu haben und die Herren Abegg 11 und Syz 12 mit denen ich gleichfalls gesprochen, haben mir zugesagt daß sie in der Verw.Rathssitzung von Freitag darauf dringen werden, daß Hr Stoll delegirt werde.13

Alles was ich in Zürich gehört habe hat den Gedanken bei mir zur Reife gebracht Sonntags ebenfalls nach Frankfurt zu reisen. Zingg & Stehlin 14 stehen zu zahl reichen Gegnern gegenüber.

Dieser Gedanke hängt von 2 Voraussetzun gen ab 1) daß der Verw.Rath der Aarg. Bank die Anträge des Vorstandes annimmt, so daß ich in meiner Stellung bei der Gotthardbahn erscheinen kann 2) daß Herr Stoll gleichfalls kömmt, denn wenn die Kreditanstalt nur die Hh. Abegg , Baumann 15 & Treichler 16 entsendet so bringt | die Konferenz vom 17ten auch nicht das ge ringste Resultat zu Stande, denn die Vertretung der Kreditanstalt ist maaßgebend. Hr Abegg würde gleichwohl mitkommen, und wenn es sein muß, Herr Treichler , der übrigens momentan abwesend ist.

Sie wißen zweifelsohne daß die Versamm lung im Frankfurterhof stattfindet.

Ich wünsche von Herzen daß mit der Gesundheit Ihrer Fräulein Tochter17 sich wieder Alles zum Guten gewendet hat und empfehle mich Ihnen

Hochachtungsvoll & freund
schaftlich

Feer Herzog

Kommentareinträge

1Brief nicht ermittelt.

2Die an der internationalen Konferenz vom Juni 1877 beschlossene Verschiebung der Erstellung der Linie LuzernImmensee verletzte die Interessen des Kantons Bern, der unter anderem im Hinblick auf den Bau der Gotthardbahn die Linie LuzernBern erstellt hatte. Die Beteiligung an der Nachsubventionierung wurde daraufhin vom Kanton Bern in Frage gestellt. Die Rekonstruktion der Gotthardbahn, Absatz 12.

3 Vgl. Prot. BR, 21. September 1877; Josef Zingg an Alfred Escher, 6. September 1877.

4Zur Rekonstruktion der Schweizerischen NordostbahnJoachim Heer an Alfred Escher, 16. Januar 1877 Alfred Escher an Joachim Heer, 19. Februar 1877 Alfred Escher an Joachim Heer, 10. Oktober 1877.

5Gemeint sind die Verträge vom 10. Oktober 1871. Alfred Escher an Emil Welti, 14. Oktober 1871.

6Die Statuten der Gotthardbahn-Gesellschaft bezeichneten in Artikel 1 den Staatsvertrag von 1869, die Übereinkunft von 1871 sowie verschiedene kantonale Konzessionen als Grundlage der Gotthardbahn-Gesellschaft. Die internationale Gotthardkonferenz vom Juni 1877 in Luzern sah vor, das Schlussprotokoll der Konferenz dem Staatsvertrag von 1869 als Zusatz anzuhängen. Diese Erweiterung des Staatsvertrags von 1869 um die Zusatzbestimmungen von 1877 konnte als Veränderung der in Artikel 1 der Statuten festgelegten Grundlagen der Gesellschaft interpretiert werden. Vgl. Statuten GB, Art. 1; Staatsvertrag Gotthardbahn 1869; Übereinkunft Beitritt Deutsches Reich 1871; Conférences internationales 1877, Protocole final, 12. Juni 1877 (S. 72).

7 Vgl. Vertrag Beschaffung Baukapital.

8 Johann Haberstich (1824–1891), Grossrat und Nationalrat (AG), Verwaltungsrat der Aargauischen Bank und der Schweizerischen Nordostbahn.

9Die Disconto-Gesellschaft in Berlin hatte zu einer auf den 17. September 1877 in Frankfurt am Main stattfindenden Konferenz betreffend die vierte Obligationenserie der Gotthardbahn-Gesellschaft eingeladen. Vgl. Prot. VR SKA, 10. September 1877 (S. 468); Die Rekonstruktion der Gotthardbahn, Absatz 20.

10 Georg Stoll (1818–1904), Verwaltungsrat der Gotthardbahn-Gesellschaft, Vizepräsident des Verwaltungsrats der Schweizerischen Nordostbahn, Direktionsmitglied der Schweizerischen Kreditanstalt.

11 Carl Abegg-Arter (1836–1912), Verwaltungsrat der Schweizerischen Kreditanstalt, Mitbesitzer der Firma Rübel & Abegg, Seiden-, Bank- und Effektengeschäft in Zürich.

12 Johannes Syz-Landis (1822–1883), Unternehmer, Verwaltungsrat der Schweizerischen Kreditanstalt, Präsident der Schweizerischen Transportversicherungsgesellschaft.

13In der Verwaltungsratssitzung der Schweizerischen Kreditanstalt vom 14. September 1877 wurde beschlossen, die Verwaltungsräte Carl Abegg-Arter und Johann Jakob Baumann-Oetiker als Abgeordnete an die Konferenz nach Frankfurt am Main zu entsenden. Vgl. Prot. VR SKA, 14. September 1877 (S. 471).

14 Karl Stehlin (1831–1881), Grossrat und Ständerat (BS), Verwaltungsrat der Schweizerischen Centralbahn und der Gotthardbahn-Gesellschaft, Mitglied der Basler Handelskammer, Vorstandsmitglied des Schweizerischen Handels- und Industrievereins.

15 Johann Jakob Baumann-Oetiker (Lebensdaten nicht ermittelt), Verwaltungsrat der Schweizerischen Kreditanstalt.

16 Johann Jakob Treichler (1822–1906), Kantonsrat (ZH), Professor der Jurisprudenz an der Universität Zürich und der ETH Zürich, Verwaltungsrat der Rentenanstalt und der Schweizerischen Kreditanstalt.

17 Lydia Escher (1858–1891), Tochter von Augusta und Alfred Escher.