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Korrespondenz: Alfred Escher – Josef Zingg

AES B3034 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#569*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 310 | Jung, Aufbruch, S. 606 (auszugsweise)

Josef Zingg an Alfred Escher, Luzern, Donnerstag, 6. September 1877

Schlagwörter: Eisenbahnen Verträge, Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Gotthardbahnprojekt, Rechtliches, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Gotthardbahn.
DIRECTION.

Luzern d. 6. Sept. 1877.

Hochverehrter Herr Präsident!

In der Anlage übermache ich Ihnen eine Copie des von den Delegirten der drei Subventionsstaaten in Göschenen vereinbarten Protokolls betreffend die Zahlung der Annuitäten.1 Der mit Roth stift unterzeichnete Passus ist nach träglich durch Hrn. Massa2 eingeschmuggelt worden, ohne daß ich davon Kenntniß erhielt. Ich begreife nicht, wie die schweiz. Delegation3 hiezu Hand bieten konnte. Der Passus II. des Protokolls hätte bei einer entschiedenern Einsprache der schweiz. Delegation wahrscheinlich wenigstens für dermalen beseitigt werden können, | denn Massa war durch die Verein barung unter I. befriedigt & selbst Biglia 4 äußerte Bedenken, ob man durch die Bestimmungen v. Art. II. nicht dem Consortium eine Waffe in die Hand gebe. Allerdings wäre die Angelegenheit dann nächstes Jahr wieder zur Sprache gekommen & der Delegirte Deutschlands5 drängte auf Erledigung. –

Die Verhältniße mit Hrn. Favre drohen immer verwikelter zu werden. Gestern Nachts zurükkehrend vernahm ich durch Hrn. Sidler , der in Zürich war, daß Hr. Vogt dafür halte, man solle Favre die Verdienstsumme6 nicht mehr aus zahlen, weil er den Nachtragsvertrag7 | gebrochen & die Caution wieder zu ergänzen habe8 & es sei gegen ihn eine bezügliche Klage zu erheben.9 Ich habe vorläufig den Eindruk, daß unmittelbar vor dem Zahltage (7 dieß) & ohne vorausge gangene Verständigung mit dem BR. von einer Rükhaltung der dermaligen Abschlagszahlg kaum die Rede sein könne. Ich gewärtige übrigens heute durch Hrn. Schweizer noch nähern Bericht. – Hr. Favre hinwieder will die Abschlagsberechnung v. Airolo nicht unterzeichnen, weil man ihm wegen schlechtem Mauerwerk einen Abzug v. ca 17,000 fs. gemacht hat & äußerte sich Kauffmann gegenüber, er werde die Sache (Bau des Tunnels) schließlich im Stiche laßen & gegen die Gesellschaft Klage erheben. – |

Nachtrag. Hr. Vogt hat in der Eingabe an das Bundesgericht der Direktion die volle Freiheit vorbehalten, allfällig eine Wiederergänzung der Caution v. 6½ auf 8 Mill. Franken zu verlangen. Ein Antrag zur Rükhaltung der Verdienstsumme liegt noch nicht vor; sollte ein solcher einlangen, so werde ich nicht ermangeln, Sie davon in Kenntniß zu setzen & ohne Ihre Zustimmung keine Ver fügung treffen. –

In der Hoffnung, daß Ihnen die seltenen Ferientage bei der schönen Herbst witterung die erwünschte Stärkung Ihrer Gesundheit bringen, verbleibe mit dem Ausdruke ausgezeichnetster Hochachtung

Ihr freundschaftlich ergebener

J. Zingg.

Bitte um eine freundliche Empfehlung an Fräulein Lydia Escher 10 .

Kommentareinträge

1Beilage nicht ermittelt. – Die im erwähnten Protokoll enthaltenen Anträge werden im Bundesratsprotokoll wiedergegeben. Sie behandeln die Frage, nach welchem Modus die gemäss Artikel 17 des Staatsvertrags von 1869 zu entrichtenden Subventionszahlungen zukünftig geleistet werden sollen. Vgl. Prot. BR, 21. September 1877; Staatsvertrag Gotthardbahn 1869, Art. 12, 17.

2 Mattia Massa (Lebensdaten nicht ermittelt), Generaldirektor der Strade Ferrate dell'Alta Italia.

3Die Schweizer Delegation setzte sich aus Karl Schenk, Gottlieb Koller und Ingenieur Ernest Dapples (1836–1895) zusammen. Vgl. Prot. BR, 31. Juli 1877.

4 Felice Biglia (Lebensdaten nicht ermittelt), italienischer Eisenbahnexperte.

5Delegierter des Deutschen Reichs war Albert Kinel (1825–1911), Geheimer Oberregierungsrat im Reichskanzleramt des Deutschen Reichs, zuständig für Elsass-Lothringen. Vgl. Prot. BR, 21. August 1877.

6Die Gotthardbahn-Gesellschaft war vertraglich verpflichtet, dem Unternehmer des Gotthardtunnels, Favre, monatliche Abschlagszahlungen im Betrag des Wertes der ausgeführten Arbeiten auszuzahlen. Vgl. Vertrag Gotthardtunnel, Art. 4; Nachtragsvertrag Gotthardtunnel, Art. IV.

7 Vgl. Zweiter Nachtragsvertrag Gotthardtunnel.

8 Favre hatte sich im Vertrag betreffend die Ausführung des grossen Gotthardtunnels verpflichtet, der Gotthardbahn-Gesellschaft eine Kaution im Betrag von 8 Mio. Franken zu bezahlen. In dem am 6. Februar 1877 abgeschlossenen zweiten Nachtragsvertrag vereinbarten die Parteien, Favre von dieser Kaution einen Anteil von 1,5 Mio. Franken auszuhändigen. Vgl. Vertrag Gotthardtunnel, Art. 8; Zweiter Nachtragsvertrag Gotthardtunnel, Art. I.

9In einem gleichentags abgefassten Schreiben an die Gotthardbahn-Gesellschaft betonte Vogt, Favres Weigerung zur Verlängerung der Suspension schliesse «eine so eklatante Verletzung des zweiten Nachtragsvertrages, Art. III, in sich, dass es sich fragen wird, ob die Gesellschaft nicht ihrerseits die in diesem Nachtragsvertrage gemachten Zugeständnisse zurücknehmen, also insbesondere bis zur Wiederergänzung der Caution bis auf 8 Mill. Fr alle Zahlungen an Favre sistiren soll» . Schreiben Gustav Vogt an Dir. GB, 6. September 1877 (SBB Historic VGB_GB_SBBGB03_003 ).

10 Lydie Escher (1858–1891), Tochter von Augusta und Alfred Escher.