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Korrespondenz: Alfred Escher – Josef Zingg

AES B3033 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#569*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 309

Josef Zingg an Alfred Escher, Göschenen, Mittwoch, 5. September 1877

Schlagwörter: Bundesrat, Eisenbahnen Bau und Technik, Eisenbahnen Finanzierung, Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Gotthardbahnprojekt, Gotthardtunnel, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Gotthardbahn.
DIRECTION.

Göschenen den 5. Sept. 1877.

Hochverehrter Herr Präsident!

Ihre geschätzten Zeilen vom 2 fl. Monats1 sind mir gestern in Göschenen zugekommen. Es war mir willkommen daraus zu ent nehmen, daß Sie noch Schritte gethan haben, um eine geeignete Einwirkung der deutschen Regierung auf die dortigen Mitglieder des Consortiums 2 zu veranlaßen. Hr. v. Kinel 3 , welchem ich schon in Luzern eine bezügliche Andeutung machte, meinte freilich, daß den Herrn ohne eine besondere Ver anlaßung nicht gut beizukommen sei.

Die Verification der Arbeiten im großen Tunnel & die Berechnung der diesjährigen Subventionsquote ist diesmal ohne viel Anstände vor sich gegangen. Die Italiener4 überließen die Arbeit Hrn. v. Kinel & uns | & besuchten nicht einmal den Tunnel. Es wurden die herwärtigen Angaben über den Fortschritt der Arbeiten angenommen & der Berechnung der Subventionsquote die im vorigen Jahre vereinbarten Grundsätze zu Grunde gelegt.5 Für den Monat September ward 1/11 der für die vorhergehenden 11 Monate ausge mittelten Summe beigefügt. Die Subvention kommt hiernach auf rund fs. 8.695,000 zu stehen.6 Unsere Abschlagszahlungen an Favre 7 be trugen v. 18ten bis 31. Aug. rund fs. 7.450,000. Wenn wir für den September auch noch eine Million hinzurechnen müßen, während uns für denselben Monat nur ca 720,000 in Rechnung gebracht wurden, so stellt sich die Rechnung doch noch befriedigend. –

Was dermalen die italienische Delegation vor zugsweise präoccupirte, ist die Angelegenheit der Zahlung der ordentlichen Annuität. Sie werden wohl durch den Hrn. Bundespräsidenten von der letzten Note der italienischen Regierung, | worin dieselbe eine serieusere Controlle über die Verwendung der Subsidien verlangte & darauf insistirte, daß inskünftig bezüglich der Annuitäten das gleiche Verfahren Platz greife, das bei der Feststellung der Subsidien für den großen Tunnel gelte, – Kenntniß erhalten haben & wohl auch wißen, daß der Bundesrath hierauf den Staaten vorschlug, diese Angelegenheit anläßlich der diesjährigen Verification durch die betreffenden Delegirten behandeln zu laßen.8 Deutschland & Italien sind auf letztern Vorschlag eingetreten; als es aber zur Verhandlung kam, erklärten die ital. Delegirten wieder, sie hätten nur die allgemeine Instruktion, auf einen Ideen austausch einzutreten & müßten der Regierung die freie Entschließung vorbehalten. Mit vieler Mühe ist es mir gelungen, eine Ver ständigung der Delegirten in dem Sinne herbeizu führen, daß sie in einem Protokolle ihren Regierungen empfehlen, die diesjährige Annuität9 noch in der gewohnten Weise dem Bundesrathe | zu bezahlen, in der Meinung, daß der Bundesrath dieselbe der Gesellschaft erst aus händige, wenn der auf Grundlage des Luz. Protokolls10 abgefaßte Vertrag die Genehmigung erhalten haben werde & sie den Staaten restituire, sofern wieder Erwarten die Rekonstruktion nicht gelingen sollte.11 Hin wieder ist es mir nicht gelungen, den weitern Vorschlag zu verhindern, daß die restliche Annuitätensumme (4x3.148,148) inskünftig wie die neuen Subventionen behandelt, be ziehungsweise vom Bundesrathe nach Maßgabe der effektuirten Ausgaben zu der für die Zufahrtslinien veranschlagten Gesammtkosten summe festgestellt werden soll. Hr. von Kinel beharrte hierauf, um zu einer Verständigung mit den Italienern zu gelangen & weil dieß die Subventionsfrage auch im deutschen Reichs rathe erleichtern werde. Wir werden nach diesem Modus im nächsten Jahre voraussichtlich eine Million weniger an Annuitäten erhalten; | im zweiten & dritten Jahre werden wir dagegen, wenn die Bauausgaben einen erheblichern Betrag erreichen, wahrscheinlich mehr als 3.148,000 fs. erhalten. –

Hinsichtlich der Stimmung in Italien in Betreff der Gotthardbahnangelegenheit äußerten sich die italienischen Delegirten dahin, daß es im Parlament noch viel Lärmen geben werde, aber daß die 10 Mill. Franken weiterer Subsidien werden genehmigt werden. –

Ich weiß nicht, ob Ihnen Hr. Schweizer mit getheilt hat, daß Hr. Favre abgelehnt hat, beim Bundesgericht ebenfalls die Verlängerung der Sistirung des Proceßes anzubegehren12 & daß wir bis zum 6 d. unsere Vernehmlaßung13 einreichen sollten.14 Hr. Rambert begründet diese Weigerung damit, daß wir durch die während der Suspension des Proceßes herbeigeführte Behandlung der Streitsache betr. die Installationen den Nach tragsvertrag verletzt haben.15 Ich habe Hrn. Schweizer | ersucht, Hrn. Vogt mit der Beantwortung der Einrede Favres zu beauftragen. –

Heute Abend gedenke ich noch nach Luzern zurükkehren zu können & werde nicht ermangeln Sie davon in Kenntniß zu setzen, wenn daselbst Einläufe eingegangen sind, die für Sie ein be sonderes Intereße haben.

Ich muß hier noch beifügen, daß es wahrscheinlich nothwendig werden wird, diesmal neben dem üblichen Voranschlag für die Arbeiten am großen Tunnel16 im nächsten Baujahre noch einen eventuellen Voranschlag der muthmaßlichen Baukosten auf den Zufahrtlinien beizufügen17 , damit die Staaten auf den Fall der Genehmigung der neuen Sub vention darauf Bedacht nehmen können. Hr. v. Kinel wünscht eine solche eventuelle Vorlage, sowie eine tabellarische Darlegung der Kosten der einzelnen Haupttheile der Linie Immensee Pino auf Grundlage des Luz.18 Protokolls möglichst bald zu erhalten. –19

In freundschaftlicher Hachtung Ihr stets

ergebener

J. Zingg.

Kommentareinträge

1Brief nicht ermittelt.

2Gemeint ist die deutsche Gruppe des Finanzkonsortiums. Die Gotthardvereinigung, Absatz 44.

3 Albert Kinel (1825–1911), Geheimer Oberregierungsrat im Reichskanzleramt des Deutschen Reichs, zuständig für Elsass-Lothringen.

4Die Regierung des Königreichs Italien bezeichnete Felice Biglia und Mathias Massa als Delegierte für die Verifikation. Vgl. Prot. BR, 31. Juli 1877.

51876 wurde beschlossen, den Termin für die Tunnelverifikation zukünftig vom 1. Oktober auf den 1. September zu verschieben, während für die Berechnung der Subsidienzahlung weiterhin die Periode vom Anfang Oktober bis Ende September beibehalten wurde. Das September-Ergebnis sollte daher aus dem Durchschnitt der elf vorangegangenen Monate berechnet werden. Vgl. Geschäftsbericht GB 1876, S. 13–14.

6 Vgl. Geschäftsbericht GB 1877, S. 9.

7Die Gotthardbahn-Gesellschaft war vertraglich verpflichtet, dem Unternehmer des Gotthardtunnels, Favre, monatliche Abschlagszahlungen im Betrag des Wertes der ausgeführten Arbeiten auszuzahlen. Vgl. Vertrag Gotthardtunnel, Art. 4; Nachtragsvertrag Gotthardtunnel, Art. IV.

8Die angesprochene italienische Note datiert vom 14. August 1877. Vgl. Prot. BR, 21. August 1877.

9Die Höhe der fixen Annuität betrug 3 148 148 Franken. Vgl. Geschäftsbericht GB 1877, S. 9.

10 Vgl. Conférences internationales 1877, Protocole final, 12. Juni 1877 (S. 68–72).

11Nachträgliche Notiz am linken Seitenrand von Eschers Hand mit Bleistift: «Zinsen Abänderg. des Vertr. »

12Da die am 6. Februar 1877 vereinbarte Suspension der gerichtlichen Schritte zwischen der Gotthardbahn-Gesellschaft und dem Bauunternehmer Favre auf Ende August 1877 ablief, forderte Zingg Favre mit Schreiben vom 25. August 1877 auf, beim Bundesgericht die Verlängerung der Suspension zu beantragen. Favre lehnte dies mit der Begründung ab, dass das Schiedsgericht auf Begehren der Gotthardbahn-Gesellschaft hin seine Tätigkeit fortgesetzt und damit gegen den Nachtragsvertrag verstossen habe. Vgl. Prot. BR, 12. Oktober 1877; Schreiben Henri Louis Rambert an das BGer., 31. August 1877 (SBB Historic VGB_GB_SBBGB03_003 ); Schreiben Henri Louis Rambert an Josef Zingg, 1. September 1877 (SBB Historic VGB_GB_SBBGB03_003 ); Zweiter Nachtragsvertrag Gotthardtunnel, Art. III; Josef Zingg an Alfred Escher, 17. Oktober 1877; Die Rekonstruktion der Gotthardbahn, Absatz 27.

13Wort nachträglich von Eschers Hand mit Bleistift unterstrichen.

14Nachträgliche Notiz am linken Seitenrand von Eschers Hand mit Bleistift: «an's Bds.ger.

15 Vgl. Schreiben Henri Louis Rambert an Josef Zingg, 1. September 1877 (SBB Historic VGB_GB_SBBGB03_003 ).

16 Der Voranschlag für das sechste Baujahr belief sich auf rund 11,8 Mio. Franken. Vgl. Geschäftsbericht GB 1877, S. 10.

17Nachträgliche Notiz am linken Seitenrand von Eschers Hand mit Bleistift: « Aussteckg. »

18Wortfolge nachträglich von Eschers Hand mit Bleistift unterstrichen.

19Nachträgliche Notiz am linken Seitenrand von Eschers Hand: « Pressel » .