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Korrespondenz: Alfred Escher – Wilhelm Pressel

AES B3030 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#70*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 308

Wilhelm Pressel an Alfred Escher, Zürich, Samstag, 1. September 1877

Schlagwörter: Eisenbahnen Bau und Technik, Eisenbahnen Gutachten und Expertisen, Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Gotthardbahnkonferenzen, Gotthardbahnprojekt, Tunnelbau

Briefe

Gotthardbahn.

Zürich den 1 Sept. 1877

Hochgeachteter Herr President

Ich bin so frei, Ihnen ergebenst mitzutheilen, daß ich die in Ihrem geehrten Schreiben vom 30 August 1 ausgedrückten Wünsche bei meinen Arbeiten zur Richtschnur nehmen werde. Ich werde meine Ansichten in zwei, im Sinne Ihrer Anordnung abgetrennten Berichten niederlegen und Ihnen beide persönlich unterbreiten.2 Die mir empfohlene Diskretion werde ich strenge beobachten.3

Wenn Sie dieses gutheißen4 , so werde ich auf die Mitwirkung eines zweiten Experten für die gründliche Prüfung des Bedingnißheftes und der Voranschläge verzichten. Die Auskunft, welche ich von den Herrn Kauffmann und Bechtle 5 erhalte, genügt mir vollkommen. Auch letzterer besitzt in dieser Richtung ausgezeich nete Befähigung mit großer Erfahrung in den effektiven Kosten der neueren Schweizerischen Bahnbauten, und, was mir besonders lieb ist: ich kann mich auf diesen braven Mann ganz beruhigt verlassen.

Ich möchte Sie dringend bitten, dieses Vorgehen zu genehmigen:6 es gewährt mir den Vortheil, einige Tage zu gewinnen, welche die Besprech ungen, event. Controversen mit einem Collegen erfordern würden. Letzterer könnte ja ein Separat Gutachten abgeben.

Die Projektmodifikationen außerhalb des Rahmens der von der internationalen Conferenz | aufgestellten Baugrundsätze (25 pro mille und minimal Radius von 300 m),7 welche ich in meinem Berichte Nro 28 empfehlen werde, mit den dazu gehörenden Plänen u. Berechnungen, ebenso die Zeichnungen und Berechnungen der einspurigen Tunnels der beiden Bergstrecken sind in der Arbeit. Bei diesen Tunnels habe ich eine Construktion angeordnet, welche die spätere Erbreiterung der Objekte für zwei Geleise ohne eine Spur von Beein trächtigung der Sicherheit und Regelmäß igkeit des Betriebs und ohne Vermehrung der Baukosten der 2 geleisigen Anlage ermöglicht. Es entfällt damit die Motivirung, welche die Bundesräthliche Gotthard -Bahn Expertise vom 31 Juli / 22 Nov. 1876 Seite ii für das Verlangen durchaus zweigeleisiger Tunnels zwischen Silenen und Bodio aufgestellt hat.9

Die Verlegung der Bahntrace bei Goldau zum Zwecke der Eliminirung des für den Betrieb äußerst lästigen großen Tunnels ergiebt eine Reduktion der Baukosten von im Minimum 1.600.000 frs nebst wesentlichen Vortheilen für die Traction und für die Sicherheit der Bahnanlage. 10 Die Anordnung des Anschlusses der Zuger Linie wird durch diese Traceänderung der Stammlinie nicht erschwert.11

Ich muß, abgesehen von meinem Bestreben, Ihre Wünsche recht bald erfüllt zu haben, meiner Angelegenheiten in Wien wegen, die Arbeit möglichst beschleunigen. Unter allen Umständen bringe ich sie Sonntag den 9. September | zum Abschluß und sehe Ihren Weisungen bezüglich deren Übergabe in Ihre eigene Hände entgegen. Die Rückreise über Homburg verursacht mir keinen nennenswerthen Umweg.

Haben Sie, Herr President, die Güte, freundlich entgegenzunehmen meine besten Wünsche für Ihr Wohlbefinden und die erneuerte Versicherung meiner wahren und ausgezeichneten Hochachtung

Wilhelm Pressel

Kommentareinträge

Nachträgliche Notiz unten auf Seite 1 von dritter Hand: « Prot. 1. X. 77. N. 2113.» – Nachträgliche Notiz unten in der Mitte auf Seite 3 von Eschers Hand mit Bleistift: « Bern & Luz. wegen Wegfallen d. Linie ImmenseeLuzern schwierig; drohen mit Entzug der bereits bewilligten & mit Versagung neuer Subvention. Zürich könnte wegen Wegfallen v. ZugArth die gleiche Stellung einnehmen, thut es aber nicht. Wenn nun zum Lohne dafür d. Linie ImmenseeBrunnen so gelegt würde, daß d. einstige Verbindungslinie v. Zürich mit d. Gotthard, nämlich ZugArth, mit Bez. auf Länge, etwaige Kopf- statt Durchgangsstation ungünstiger gestaltet würde, so könnte dieß auf d. Haltung Zürich's einen nachtheiligen Einfluß ausüben.»

1Schreiben nicht ermittelt.

2Pressel wurde im August 1877 von der Gotthardbahn-Gesellschaft beauftragt, eine Untersuchung über weitere potentielle Einsparungen auf der Stammlinie ImmenseePino zu erstellen. Josef Zingg an Alfred Escher, 22. August 1877. – Über die Resultate seiner Untersuchung informierte Pressel Escher in zwei Berichten am 9. September 1877. Vgl. Wilhelm Pressel an Alfred Escher, 9. September 1877; Pressel, Gutachten (8. September 1877); Pressel, Gutachten (9. September 1877).

3 Vgl. Telegramm Escher an Wilhelm Pressel, 28. August 1877 (BAR J I.67-6.70).

4Nachträgliche Notiz am linken Seitenrand von Eschers Hand mit Bleistift: «Ich möchte» .

5Vermutlich August von Beckh.

6Nachträgliche Notiz am linken Seitenrand von Eschers Hand mit Bleistift: «Einverstanden» .

7Von Ausnahmen abgesehen begrenzte das Schlussprotokoll der internationalen Konferenz vom Juni 1877 den minimalen Kurvenradius auf 280 m und das Steigungsmaximum auf 26–27‰. Vgl. Conférences internationales 1877, Protocole final, 12. Juni 1877 (S. 69).

8 Vgl. Pressel, Gutachten (9. September 1877).

9Die Plenarkommission fasste den Entschluss, die Berglinie SilenenBodio grundsätzlich einspurig anzulegen. Der Unterbau sei aber überall da bereits jetzt zweispurig auszuführen, «wo die Erweiterung später während des Betriebes nicht mehr möglich oder mit unverhältnismässig grossen Mehrkosten verbunden wäre, also z. B. bei den Tunneln» . Bundesräthliche Gotthardbahn-Expertise 1876, Plenarkommission, S. 11. Die Rekonstruktion der Gotthardbahn, Absatz 6.

10Pressels Vorschlag, die Wasserscheide bei Goldau zwischen dem Zugersee und dem Lauerzersee nicht, wie ursprünglich vorgesehen, zu untertunneln, sondern «im freien Luftraum» zu überschienen, wird in seinem Gutachten vom 8. September 1877 ausführlich diskutiert. Pressel, Gutachten (8. September 1877).

11Nachträgliche Notiz am linken Seitenrand von Eschers Hand mit Bleistift: «Verlängerung d. Anschlußlinie? / Kopfstation?»