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Korrespondenz: Alfred Escher – Josef Zingg

AES B3023 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#70*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 304

Josef Zingg an Alfred Escher, Luzern, Samstag, 25. August 1877

Schlagwörter: Eisenbahnen Bau und Technik, Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Gotthardbahnprojekt, Gotthardtunnel

Briefe

Luzern d. 25. Aug. 1877.

Hochverehrter Herr Präsident!

Soeben hat mich Hr. Oberingenieur Preßel verlaßen. Derselbe ist von der Bereisung des Gotthardt sehr befriedigt zurükgekehrt & erklärt, daß das Projekt sehr gut studirt sei. 1 Nichtsdestoweniger hofft er, daß noch ganz erhebliche Er sparniße erzielt werden können. Als wesentliche Mittel zur Erzielung von Ersparnißen faßt er namentlich ins Auge: Verringerung der Curven bis 250 Meter, womit sehr viel zu erreichen sei; Erhöhung der Steigung bis 30‰, welche zu einer bedeutenden Abkürzung der kostbilligen Kehrtunnel führen werde & einspuriger Bau der Tunnel.2 Abgesehen von den Modifikationen der Traçe, die durch Anwendung dieser Grundsätze | herbeigeführt würden, glaubt er daß da & dort noch Verbeßerungen und Vereinfachungen in der Anlage statt finden können, die er nun noch speciell studieren will, so z. B. in der Anlage der Bahn bei Goldau3 , außerhalb Brunnen, 4 längs der Axenstraße, in der Streke v. Waßen nach Göschenen, bei den Dazio Tunneln & den Kreiskehren v. Giornico.

Des Fernern bemerkte Hr. Preßel, daß er dafür halte, daß auch in den Normalien noch verschiedene Veränderungen zum Zweke der Erzielung einer Kosten verminderung eintreten können, ohne die Solidität der Bahnanlage zu gefährden. Hr. Hellwag habe bezüglich des Mauer werks des Guten zu viel gethan. Für die Tunnel (nicht den großen Tunnel) möchte er eine billigere Art der Maurung vor schlagen & zwar im Einverständniß mit Hrn. Kaufmann . – |

Anlangend die Preise, so scheine Manches hoch berechnet, wie man das in Oestreich ge wohnt sei; er werde nun diese Seite der Sache noch im Detail prüfen & studieren. – 5

Hr. Preßel sagte, daß er nun etwa 14 Tage brauche, um seine Ideen & Vorschläge zusammenzustellen;6 es wäre ihm angenehm, dieselben uns sodann zu allfälligen Bemerkungen vorlegen zu können. –

Ich weiß nun nicht recht, ob Sie noch vorgängig dieser Zusammenstellung mit Hrn. Preßel Rüksprache zu nehmen wünschen, oder erst wenn diese vorläufige Arbeit vor liegt. Es hat mir scheinen wollen, daß Hr. Preßel seine Vorschläge in der einten & andern Richtung noch von dem Ergebniß von Aufnahmen abhängig macht, die er bereits angeordnet hat. Wahrscheinlich 7 werden sich verschiedene Vorschläge erst bei näherm Studium herausgestalten. |

Wir würden daher nach 14 Tagen wahr scheinlich etwas viel Bestimmteres zur Beurtheilung vor uns haben. Viel leicht wünschten Sie aber schon mit Rük sicht auf die im Eingange erwähnten in Aussicht genommenen Modifikationen der Baugrundsätze eine Besprechung. Bezüglich der Letztern habe ich noch beizu fügen, daß Hr. Preßel die Hoffnung ausgesprochen hat, es würde ihm nicht schwer fallen, deren Genehmhaltung in Berlin zu erwirken. –

Morgen hoffe ich Hrn. Feer-Herzog zu sehen, welcher gestern mit Preßel in Brunnen zusammengetroffen ist.

In Gewärtigung Ihrer gef. Dis positionen verbleibe inzwischen in ausgezeichneter Hochachtung

Ihr stets ergebener

J. Zingg.

P. S. Von Hrn. Bundespräs. Heer erhalte soeben die Mittheilung, daß der BR. die Cautionsangelegenheit behandelt hat & daß wir die Titel beziehen können. Z.8

Kommentareinträge

1 Pressel basierte seine Beurteilungen auf einen von Konrad Wilhelm Hellwag am 18. bzw. 28. Juli 1877 eingereichten Voranschlag, welcher die von der internationalen Konferenz vom Juni 1877 gutgeheissenen Projektmodifikationen berücksichtigte. Vgl. Pressel, Gutachten (8. September 1877); Wanner, Gotthardbahn, S. 395.

2Die Vorschläge Pressels gingen über die von der internationalen Gotthardkonferenz im Juni 1877 beschlossenen Werte hinaus, welche – von Ausnahmen abgesehen – den minimalen Kurvenradius auf 280 m und das Steigungsmaximum auf 26–27‰ festgelegt hatte. Vgl. Conférences internationales 1877, Protocole final, 12. Juni 1877 (S. 69); Pressel, Gutachten (8. September 1877); Pressel, Gutachten (9. September 1877). – Zur einspurigen Anlage der Tunnels Wilhelm Pressel an Alfred Escher, 1. September 1877.

3Nachträgliche Unterstreichung des Wortes von Eschers Hand mit Bleistift.

4Nachträgliche Notiz am linken Seitenrand von Eschers Hand mit Bleistift: « NB » .

5Nachträgliche Notiz am linken Seitenrand von Eschers Hand mit Bleistift: « NB » .

6 Pressel unterrichtete Escher über die Resultate seiner Untersuchung in den zwei erwähnten Berichten am 9. September 1877. Vgl. Wilhelm Pressel an Alfred Escher, 9. September 1877.

7Nachträgliche Notiz am linken Seitenrand von Eschers Hand mit Bleistift: « NB » .

8Ergänzung am Rand der letzten Seite.