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Korrespondenz: Alfred Escher – Josef Zingg

AES B3022 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#569*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 303

Josef Zingg an Alfred Escher, Luzern Lützelau, Mittwoch, 22. August 1877

Schlagwörter: Bundesrat, Eisenbahnen Betrieb, Eisenbahngesellschaften Offerten, Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Gotthardbahnprojekt, Gotthardtunnel, Presse (allgemein), Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Luzern den 22. Aug. 1877.

Lüzelau 1

Hochverehrter Herr Präsident!

Empfangen Sie meinen besten Dank für die geschätzten Mittheilungen, welche Sie mir mit Ihrer verehrlichen Zuschrift vom 18. dieß2 haben zugehen laßen. Ich habe Ihnen nicht früher darauf geantwortet, weil ich von Tag zu Tag die Rükkunft des Hrn. Preßel erwartete & beabsichtigte, Ihnen sodann gleich die Hauptergebniße seiner Untersuchung mitzutheilen.3 Da ich nun aber vernehme, daß Hr. Preßel noch einige Tage in Wasen zubringen wird, will ich mit einer Rükantwort nicht länger zögern. –

Es war ohne Zweifel sehr nothwendig, daß Sie die Frage der Herausgabe eines Theils unsrer Caution zum Gegenstande einer nochmaligen einläßlichen Besprechung mit Mitgliedern des Bundesrathes gemacht haben. Vorgestern Mittag meldete mir Hr. Schenk , daß die Angelegenheit dem B.R. nun den 21. d. werde vorgelegt werden4 , indem er gleichzeitig noch von der Direktion unterzeichnete Copien der Abschlagszahlungsberechnungen | für den großen Tunnel pro Juni & Juli sammt Beilagen verlangte.5 Ich habe dafür gesorgt, daß die verlangten umfangreichen Copien noch den gleichen Tag abgiengen, um jeden Vorwand zu neulicher Verzögerung zu beseitigen. Bis zur Stunde bin ich noch ohne Nachricht, ob der B.R. die Sache erledigt hat oder nicht. Sollte die Erledigung noch länger auf sich warten laßen, so gedenke ich nochmals nach Bern zu gehen. –

Es wird wohl richtig sein, daß unser College W. an den Bernischen Conventikeln Theil nimmt.6 Vorige Woche war er wieder in Bern, ohne über seine Wahrnehmungen & Besprechungen ein Wort mitzutheilen. Ich habe den Eindruk, daß man von Bern aus (wenigstens v. einer Seite) darauf hinarbeitet, daß die schweiz. Subvention 7 nicht zusammengebracht werde, um sodann das Projekt der Steilrampen & Trajektanstalten durchzubringen.8 Es würde mich nicht wundern, wenn die Regierung ver anlaßt würde, zur Förderung dieses Zieles ihre Forderungen unerreichbar hoch zu spannen. Ich habe ein vor etwa 8 Tagen von Hrn. Ott 9 geschriebenes Briefchen gesehen, worin nakt erklärt wurde, Bern wolle nicht den Ruin der Gesellschaft (wie er Tags zuvor in einer Wirthschaft gepredigt), sondern Lösung der | Gotthardbahnfrage mit Steilrampen & Trajekten. Durch Hrn. Zschokke10 werden Sie erfahren haben, daß sich eine Gesellschaft gebildet hat oder zu bilden im Begriffe steht, um der Gotthardbahn gesellschaft eine bezügliche Offerte für Bau & Betrieb zu machen & daß zur Ausarbeitung des Projektes von uns Pläne, bezw. die Bewilligung zur Anfertigung v. Copien begehrt wird. Es waltet die Absicht, für diese Combination Hrn. Thommen11 herbeizuziehen. Ich habe Hrn. Zschokke gefragt, ob sie an der bekannten Opposition Italiens gegen die Steilrampen nicht genug haben, daß sie auch noch die von Deutschland perhorrescirte & nicht nothwendige – Trajektidee in ihr Programm aufnehmen? Er war darob sichtlich etwas verduzt & ich habe den Eindruk, als ob die Aufnahme dieser v. W. protegirten Idee wohl nur darauf berechnet ist, die Luzerner an den Leim zu kriegen. –

Anlangend Luzern, so gibt sich in der liberalen Preße & soviel ich höre, allmählig auch in der städtischen Bevölkerung eine lebhafte Opposition gegen die Haltung der Regierung kund. Aus den Artikeln des Tagblattes, die ich Ihnen unter Kreuzband zusende, sehen Sie, daß man von dieser Seite kein Blatt vor den Mund nimmt.12 Ich glaube, daß schließlich selbst die Regierung zum Einlenken gedrängt werden könnte, wenn sie nicht mit den Bernerprojekten & der Trajektidee wieder geködert würde. – |

Eine Verständigung mit Bern scheint mir der brennende Punkt im gegenwärtigen Stadium der Angelegenheit zu sein. Was Sie als muthmaßliche Forderung Bern's bezeichnen, geht allerdings über das Maß hinaus & die Antwort, die Sie andeuten, wird wohl etwas abkühlen, vorausgesetzt, daß man nicht absichtlich unerreichbare Forderungen auf stellt. Ich möchte daher wünschen, daß man Bern immerhin soweit nur möglich entgegenkommt, da ich ohne die Mithülfe von Bern keinerlei Möglichkeit sehe, die schweiz. Subventionsfrage zu einen befriedigenden Abschluße zu bringen.13

Ich theile vollständig Ihre Auffaßung, daß die Vergebung eines größern Theils der Arbeiten an italienische Unternehmer eine entsprechende Lösung der Subventions frage in Italien wesentlich zu erleichtern im Stande ist & bin daher mit dem v. Ihnen Hrn. Maraini gegenüber gethanen Schritte ganz einverstanden. Hinwieder wird es sich empfehlen, auch die Verhandlungen mit Single14 , der nach meinen Wahr nehmungen die Angelegenheit studirt hat, wie kein Anderer, nicht auf der Seite zu laßen, damit man durch die Italiener allfällig nicht zu sehr gepreßt wird. –

Entschuldigen Sie den langen Brief. Ich hoffe, mein nächster werde Ihnen Intreßanteres zu melden haben.

Mit der Bitte um freundl. Empfehlung an Ihre Frl. Tochter15 verbleibe in freundschaftlicher Hochachtung

Ihr ergebener

J. Zingg.

Meine Familie weilt seit gestern in der Lüzelau , wo ich hin & zu nun auch einige Stunden zubringe, um meine arme Frau16 nicht zu viel allein ihrem Schmerz zu überlaßen. Z.17

Kommentareinträge

1Gemeint ist vermutlich Lützelau bei Weggis.

2Brief nicht ermittelt.

3 Pressel wurde im August 1877 von der Gotthardbahn-Gesellschaft beauftragt, eine Untersuchung über weitere potentielle Einsparungen auf der Stammlinie ImmenseePino zu erstellen. Vgl. Geschäftsbericht GB 1877, S. 19; Wanner, Gotthardbahn, S. 395; Jakob Kauffmann an Alfred Escher, 19. August 1877; Telegramm Escher an Wilhelm Pressel, 28. August 1877 (BAR J I.67-6.70); Wilhelm Pressel an Alfred Escher, 3. September 1877 (BAR J I.67-6.70); Josef Zingg an Alfred Escher, 25. August 1877 Wilhelm Pressel an Alfred Escher, 1. September 1877.

4 Vgl. Prot. BR, 21. August 1877.

5Die Gotthardbahn-Gesellschaft war vertraglich verpflichtet, dem Unternehmer des Gotthardtunnels, Louis Favre, monatliche Abschlagszahlungen im Betrag des Wertes der ausgeführten Arbeiten auszuzahlen. Vgl. Vertrag Gotthardtunnel, Art. 4; Nachtragsvertrag Gotthardtunnel, Art. IV. – Den Subventionsstaaten musste für jedes Baujahr ein Programm sowie ein Voranschlag für die im grossen Gotthardtunnel auszuführenden Arbeiten ausgehändigt werden. Vgl. Staatsvertrag Gotthardbahn 1869, Art. 17 lit. a.

6Gemeint sind vermutlich die Verhandlungen der von Joachim Heer gegenüber Escher erwähnten Berner Kommission, welche prüfen sollte, ob und unter welchen Bedingungen sich der Kanton Bern an der Rekonstruktion der Gotthardbahn-Gesellschaft beteiligen sollte. Vgl. Volmar, Alpenbahnpolitik, S. 160; Joachim Heer an Alfred Escher, 16. August 1877.

7Die Gotthardkonferenz vom Juni 1877 beschloss, die Gotthardbahn-Gesellschaft mit einer Nachsubvention von 28 Mio. Franken zu alimentieren; der von der Schweiz zu leistende Betrag wurde auf 8 Mio. Franken festgelegt. Die Rekonstruktion der Gotthardbahn, Absatz 11.

8An der Gotthardkonferenz vom Juni 1877 griff die Schweizer Delegation die Idee auf, die Bahnstrecken entlang des Vierwaldstättersees durch Trajektanstalten zu ersetzen und auf der Bergstrecke FlüelenBiasca spezielle Betriebssysteme zur Überwindung grosser Steigungen anzuwenden. Dies wurde von den deutschen und italienischen Delegierten abgelehnt. Vgl. Conférences internationales 1877, 8. Juni 1877 (S. 35–37); Botschaft BR GB 1878, S. 56–57; Die Rekonstruktion der Gotthardbahn, Absatz 10.

9Person nicht ermittelt.

10 P. Olivier Zschokke (1826–1898), Aargauer Ingenieur, Ständerat (AG), Verwaltungsrat der Rigibahngesellschaft.

11 Achilles Thommen (1832–1893), Basler Ingenieur und Experte für Eisenbahnbau, Verfasser der Schrift «Die Gotthardbahn» (Wien 1877).

12 Das «Luzerner Tagblatt» kritisierte die Haltung der Luzerner Regierung, welche eine Beteiligung an der Nachsubvention von 8 Mio. Franken ablehnte. Vgl. beispielhaft Luzerner Tagblatt, 10. August 1877, 12. August 1877, 18. August 1877.

13Auch Heer unterstreicht die Bedeutung des Kantons Bern in der Frage der Nachsubventionierung. Joachim Heer an Alfred Escher, 16. August 1877.

14 Heinrich Single (Lebensdaten nicht ermittelt), Ingenieur aus dem Raum Württemberg.

15 Lydia Escher (1858–1891), Tochter von Augusta und Alfred Escher.

16 Aloisia Zingg-Kopp (Lebensdaten nicht ermittelt), Tochter des Regierungsrats und Oberrichters Jakob Kopp aus Beromünster.

17Ergänzung am Rand der letzten Seite.