Navigation

Korrespondenz: Alfred Escher – Josef Zingg

AES B3003 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#569*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 298

Josef Zingg an Alfred Escher, Luzern, Mittwoch, 13. Juni 1877

Schlagwörter: Bundesrat, Eisenbahnen Finanzierung, Eisenbahngesellschaften Krise/Rekonstruktion, Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Gotthardbahnkonferenzen, Gotthardtunnel, Staatsverträge, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Hochverehrter Herr Präsident!

Die Conferenzverhandlungen sind nun mehr zum Abschluße gelangt & soll diesen Morgen das Schlußprotokoll1 , welches die Ergebniße der Berathungen enthält, von den Delegationen unterzeichnet werden. Es wird darin, wie mir Hr. BR. Welti zu Ihren Handen mit theilte, erklärt, daß die Delegirten theils einstimmig, theils mit Mehrheit gefunden haben, daß die im Schlußprotokolle genau bezeichneten (& formulirten) Abänderungen des Vertrages v. 18692 nothwendig seien & daß die Delegirten | sich verpflichten, diese Abänderungen ihren resp. Regierungen zur Genehmigung zu empfehlen. Die betr. Regierungen sollen ersucht werden, ihre Erklärung dem Bundesrathe bis zum 30. Juli 3 zur Kenntniß zu bringen. Werden die Vorschläge von den Regierungen genehmigt, so soll durch die Gesandten der betr. Staaten & den Bundesrath der Inhalt der Vorschläge in einen Vertrag aufgenommen werden. Sollte die Genehmigung nicht erfolgen, so ist von Seite des Bundesrathes alsdann eine neue Conferenz einzuberufen. – Die neu zu gewährende Subvention ist, | wie ich Ihnen gestern meldete , auf 28 Mill. fs. fixirt, wovon Deutschland & Italien, je 10, die Schweiz 8 Mill. übernehmen sollte. Die Italiener seien namentlich ungehalten gewesen, daß die deutsche Delegation über den4 in dem bekannten Memorandum des dtschen Reichskanzler amtes hinausgegangen;5 die Reduktion der schweiz. Subvention auf 8 Mill. sei von der italienischen Delegation nicht unfreundlich aufgenommen worden. - Am Schluße haben die ital. Delegirten neuerdings einen Anlauf gegen die Gesellschaft genommen, indem sie eine Reorganisation derselben beantragten.6 Der Antrag wurde aber von der | schweiz. & deutschen Delegation energisch zurückgewiesen; – Die Zahlung der neuen Subvention soll nicht in Annuitäten, sondern nach dem Fort schritt der Arbeiten erfolgen & zwar nach Maßgabe der vom Bundesrathe den Vertragsstaaten jährlich gemachten Angaben7 . –

Die Verwendung eines Theils der Caution 8 zur Bezahlung der Kosten des großen Tunnels ist in einem Special protokoll9 behandelt. Die Regierungen werden ersucht, sich diesfalls in kürzester Frist gegenüber dem B.R. zu äußern.10

So viel in Eile. Vielleicht kann ich Ihnen Mittags ein Schlußprotokoll senden.

Hochachtungsvollst

Ihr ergebener

J. Zingg.

Luzern d. 13. Juni 1877.

Kommentareinträge

1 Vgl. Conférences internationales 1877, Protocole final, 12. Juni 1877 (S. 68–72).

2 Vgl. Staatsvertrag Gotthardbahn 1869; Die Gotthardvereinigung, Absatz 25.

3Das Schlussprotokoll nennt den 31. Juli 1877. Joachim Heer an Alfred Escher, 21. Juli 1877.

4Versehentliche Auslassung, sinngemäss wohl gemeint: «Betrag».

5Im Promemoria betreffend die Massnahmen zur Rekonstruktion der Gotthardbahn-Gesellschaft nennt die Regierung des Deutschen Reichs einen Totalbetrag von 18,5 Mio. Franken als maximal in Frage kommende Nachsubvention. Vgl. Promemoria Deutsches Reich 1877.

6Einer von Clemente Maraini für Escher erstellten Zusammenfassung der Instruktionen für die italienische Delegation ist zu entnehmen, dass insbesondere die finanzielle Reorganisation der Gotthardbahn-Gesellschaft an der Konferenz thematisiert werden sollte. Vgl. Clemente Maraini an Alfred Escher, 30. Mai 1877.

7Der bisherige Modus sah vor, ein Drittel des Subventionskapitals in neun gleichmässigen Jahresraten auszubezahlen und die übrigen zwei Drittel für die im jeweiligen Baujahr am grossen Gotthardtunnel effektiv aufgewendeten Kosten zu vergüten. Vgl. Staatsvertrag Gotthardbahn 1869, Art. 17.

8Der Staatsvertrag von 1869 hielt in Art. 11 fest, dass die Gotthardbahn-Gesellschaft dem Bundesrat eine Kaution für die eingegangenen Verpflichtungen im Zusammenhang mit dem Bau und Betrieb der Gotthardbahn zu bezahlen habe. Die Höhe der Kaution wurde am 3. November 1871 auf einen Betrag von 10 Mio. Franken festgelegt. Vgl. Staatsvertrag Gotthardbahn 1869, Art. 11; Prot. BR, 3. November 1871.

9 Vgl. Conférences internationales 1877, 13. Juni 1877 (S. 73).

10Die Regierung des Deutschen Reichs erteilte am 27. Juni 1877, diejenige des Königreichs Italien am 12. Juli 1877 ihre Zustimmung zur Verwendung eines Teils der Kaution durch die Gotthardbahn-Gesellschaft. Vgl. Prot. BR, 3. Juli 1877; Prot. BR, 21. August 1877; Joachim Heer an Alfred Escher, 21. Juli 1877; Josef Zingg an Alfred Escher, 22. August 1877; Josef Zingg an Alfred Escher, 29. August 1877.