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Korrespondenz: Alfred Escher – Josef Zingg

AES B3002 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#569*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 297

Josef Zingg an Alfred Escher, Luzern, Dienstag, 12. Juni 1877

Schlagwörter: Eisenbahnen Finanzierung, Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Gotthardbahnkonferenzen, Gotthardbahnprojekt, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Luzern d. 12. Juni 1877.

Hochverehrter Herr Präsident!

Die Verhandlungen der internationalen Conferenz 1 haben, so viel ich vernehme, seit Samstag nicht einen so günstigen Verlauf genommen, als wir zu hoffen berechtigt waren. Vorab scheint der Bundesrath Bedenken getragen zu haben, für die Schweiz eine Quote von 10 Mill. Franken in Aussicht zu nehmen; man habe von etwa 7 Mill. gesprochen.2 Hr. Welti erklärte mir wohl mit Rüksicht hierauf schon gestern Morgen, daß der B.R. eine Repartition der besprochenen 30 Mill. F.3 | zu gleichen Theilen in keinem Falle acceptiren könne; man würde eine Betheiligung v. 10. M. F. nicht durchbringen. Die bezüglichen Verhandlungen in der Conferenz selbst sollen äußerst schwierig & unerquiklich gewesen sein. Die Italiener wollten nicht über eine Totalsubsidie v. 18 Mill. gehen; Deutschland erklärte eine höhere Quote als die Schweiz nicht gewähren zu können; die schweiz. Delegation habe als Maximum diesseitiger Leistung 8 Mill. bezeichnet. Das Endresultat der Berathungen sei schließlich dahin gegangen: daß die deutsche & schweiz. Delegation eine weitere Subsidie | an das auf 40 Mill. F. devisirte Deficit4 der Linie ImmenseePino von 28,000,000 Fs. für nothwendig erklären, in der Meinung, daß davon je 10 Mill. F. v. Deutschland & Italien & 8 Mill. v. der Schweiz übernommen werden sollen, & daß die italienische Delegation hinwieder die Angelegenheit bezüglich dieses Punktes der Entscheidung des Ministeriums anheimzustellen sich vorbehalten habe.5 Es scheint, daß die italienische Delegation keine Vollmacht hatte, über eine neue Totalsubsidie v. 20 M. hinauszugehen; man nimmt übrigens an, daß die Erhöhung v. Italien schließlich nicht werde | beanstandet werden. Persönlich habe ich das Gefühl, daß die Zumuthung an Italien, nochmals eine größere Subsidien quote als die Schweiz zu leisten, den Gegnern des Unternehmens im ital. Parlament einen scharfen Angriffspunkt bieten dürfte.6

Vorstehendes mußte ich gestern Abend aus flüchtigen Bemerkungen entnehmen, da sich eine Gelegenheit zu einer eingehenden Besprechung nicht bot & ich den durch die Sitzungen sehr ermüdeten Hrn. Bundespraesidenten Heer nicht belästigen wollte.7

Heute soll das Ergebniß der bisherigen Berathungen formulirt werden.

In ausgezeichneter Hochachtung

Ihr ergebener

J. Zingg.

Kommentareinträge

1 Das Konferenzprotokoll führt die teilnehmenden Delegierten auf und gibt einen detaillierten Einblick in die Verhandlungen. Vgl. Conférences internationales 1877.

2Die Schweizer Delegation erklärte an der Sitzung vom 11. Juni 1877: «Le Conseil fédéral suisse estime que [...] le chiffre de 6 ou tout au plus de 7 millions est un maximum qu'il serait impossible de dépasser.» Conférences internationales 1877, 11. Juni 1877 (S. 58).

3Von seiten der Schweizer Delegation wurde in der Sitzung vom 11. Juni 1877 verlangt, dass die neue Subvention einen Gesamtumfang von mindestens 30 Mio. Franken erreichen müsse. Vgl. Conférences internationales 1877, 11. Juni 1877 (S. 58, 60, 62).

4Für die Erstellung des reduzierten Netzes der Gotthardbahn (Linien ImmenseePino, CadenazzoLocarno, LuganoChiasso) rechnete die Konferenz in der Sitzung vom 9. Juni 1877 mit Kosten von insgesamt 227 Mio. Franken. Gegenüber dem Voranschlag von 1869 resultierte somit ein Defizit von 40 Mio. Franken. Die Rekonstruktion der Gotthardbahn, Oberingenieur Hellwags Kostenvoranschlag vom Frühjahr 1876.

5 Vgl. Conférences internationales 1877, 11. Juni 1877 (S. 64–65).

6 Clemente Maraini machte Escher darauf aufmerksam, dass die Stimmung gegenüber der Gotthardunternehmung in Italien keineswegs günstig sei.Clemente Maraini an Alfred Escher, 24. April 1877.

7Auch Heer orientierte Escher brieflich über die Verhandlungen in Luzern. Vgl. Joachim Heer an Alfred Escher, 12. Juni 1877.