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Korrespondenz: Alfred Escher – Esajas Zweifel

AES B2992 | LBGL N224

Alfred Escher an Esajas Zweifel, Zürich, Mittwoch, 30. Mai 1877

Schlagwörter: Eisenbahnen Verträge, Eisenbahngesellschaften Krise/Rekonstruktion, Gotthardbahnprojekt, Schweizerische Nordostbahn (NOB)

Briefe

Hochverehrter Herr Landammann!

Ihre gef. Mittheilungen von gestern sind mir richtig zugekommen. Ich verdanke Ihnen dieselben bestens.

Das Finanzprogramm für die Reorganisation der N.O.B., das unser Verwaltungsrath & die Commission von Actionären (Hr. N.R. Studer) bisanhin in Aussicht genommen haben, erweckt wegen der enormen Summe, welcher die I Hypothek eingeräumt werden soll, fortwährend Bedenken. Wie soll die Consolidation der 25 Millionen, welche das Pariserconsortium vorgeschossen, die Beschaffung der noch erforderlichen 10–15 Millionen, die einstige Ersetzung der zurückzuzalenden Anleihen bei einer so enormen Summe im I Pfandrechte möglich werden? Um diesen Bedenken | Rechnung zu tragen, hat Hr. Director Stoll das beiliegende veränderte Programm in Vorschlag gebracht, welches die größte Aufmerksamkeit verdient. Angesichts dieser noch unabgeklärten Situation wird die einschlägige Bestimmung in dem Entwurfe zu dem Nachtragsvertrage zu modifiziren sein. Ich denke, es werde dieß in einer Weise geschehen können, welche auf der einen Seite für die definitive Feststellung des Finanzprogrammes freie Hand läßt & auf der andern Seite dem Canton Glarus die nöthige Beruhigung verschafft. Es hat mir am passendsten geschienen, Sie jetzt schon & der Conferenz vom nächsten Samstag vorgängig von diesen Verhältnissen zu unterrichten & Ihnen zu Ihrer gänzlichen Orientirung das von Hrn. Stoll vorgeschlagene Finanzprogramm zuzustellen. Daß diese Mittheilung eine ganz confidentielle | ist, brauche ich Ihnen wohl nicht erst zu sagen.

Zu dem erfreulichen Verlaufe Ihrer Landsgemeinde gratulire ich Ihnen von Herzen. Es ist ein eigenthümlicher Zufall, daß die Zürcherdemocraten am gleichen Tage die größte Niederlage erlebt haben, die für sie gedenkbar war. Ich hoffe, dieses Ereigniß werde dazu beitragen, Ihnen die Erfüllung der ebenso schwierigen als verdienstlichen Aufgabe zu erleichtern, deren Lösung Sie mit patriotischem Sinne übernommen haben.

Hoffend, Sie künftigen Samstag schon auf dem Wege nach Bern zu sehen, verbleibe ich in wahrer Hochschätzung

Ihr freundschaftlich ergebener

Dr A Escher

Zürich
30 Mai 1877

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