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Korrespondenz: Alfred Escher – Emil Welti

AES B2986 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#547*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 296 | Jung, Aufbruch, S. 669–670 (auszugsweise)

Emil Welti an Alfred Escher, Bern, Freitag, 18. Mai 1877

Schlagwörter: Bundesrat, Eisenbahngesellschaften Krise/Rekonstruktion, Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Gotthardbahnkonferenzen, Gotthardbahnprojekt, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Hochgeehrter Herr und Freund

Ich setze meine Mittheilungen fort. Nachdem sich auch die deutsche Regierung mit dem Beginn der Conferenz am 28. d. M. einverstanden erklärt hat1, ist dieses Datum heute vom Bundesrath definitiv festgesetzt worden.2 Morgen werde ich mit Herrn Schenk die Instructionen für unsere Delegation vorberathen. Ich hoffe es werden dieselben ganz allgemein gehalten werden. Aus Italien vernehmen wir heute durch Koller, Correnti3 wolle das ihm zugedachte Mandat nicht annehmen. Depretis4 «habe an Melegari5 gedacht», dieser | könne aber nicht wohl fort; es sei auch von Giavanolo6 und Gadda7 (früheren Bauministern) die Rede gewesen. Depretis sei entscheiden für die Pino linie mit Ausschluss des Monte Cenere 8, weil damit einzig Genua zu den 6 Mill. verpflichtet werden könne;9 auch sei er wie Melegari und Correnti gegen die durchweg einspurige Bahn.10 Das Bauministerium sei noch immer sehr feindlich. Ungeschickterweise enthält der Brief Kollers auch die Notiz: « Maraini hat ein wichtiges Actenstück an Herrn E. gesandt, die Copie eines Briefes von de Launay11, worin gesagt wird man solle nach der Meinung der deutschen Regierung die Schweiz auf ihre eigenen Kräfte anweisen und nicht durch Subsidien verwöhnen. Sie werden den Brief wohl erhalten können.»12 |

Gestern hatte ich eine Zusammenkunft mit Bamberger13, der nicht gerade viel neues zu berichten wusste. Er behauptet die neue günstige Wendung der deutschen Regierung sei auf Rechnung von Bismark14 zu schreiben, der seinen Willen kund gegeben habe, dass dem Gotthard geholfen werden soll. An die Durchführung des Programms von 1869 sei aber nicht zu denken; von Zahnstangen und Trajecten15 scheint man aber in Berlin nichts wissen zu wollen, ebensowenig von einer einspurigen Bahn. Das Finanzprogramm des Promemoria bezeichnete Bamberger als utopisch. In den Reichstags Kreisen, sogar bei vielen Mitgliedern des Centrums sei die Stimmung gut. |

Herrn Heer geht es zu meinem grossen Bedauern nicht gut d. h. die Genesung macht äusserst langsame Fortschritte;16 er ist daher auch sehr deprimirt und ich fürchte, dass er zu Entschlüssen kommt, die für uns übel ausfallen könnten. Zur Conferenz kommt er sicher nicht, und das ist an und für sich schon schlimm genug.17

In der Hoffnung Sie bald wieder sprechen zu können bitte ich Sie meine freundlichen Grüsse entgegenzunehmen.

Ihr Ergebenster

E Welti

Bern 18. Mai 1877.

Kommentareinträge

1Gemeint ist die internationale Rekonstruktionskonferenz für die Gotthardbahn-Gesellschaft, zu welcher der schweizerische Bundesrat am 16. Dezember 1876 eingeladen hatte. Welti berichtete am 15. Mai 1877, Italien sei ab dem 25. Mai zur Konferenz bereit. Auf Ansuchen Italiens wurde der Konferenzbeginn dann aber auf den 4. Juni vertagt. Vgl. Emil Welti an Alfred Escher, 15. Mai 1877; Prot. BR, 14. Mai 1877; Prot. BR, 24. Mai 1877; Prot. BR, 25. Mai 1877; Die Rekonstruktion der Gotthardbahn, Die internationale Konferenz von Juni 1877 in Luzern.

2 Vgl. Prot. BR, 18. Mai 1877.

3 Cesare Correnti (1815–1888), ehemaliger Bildungsminister des Königreichs Italien.

4 Agostino Depretis (1813–1887), Ministerpräsident des Königreichs Italien.

5 Luigi Amedeo Melegari (1805–1881), Aussenminister des Königreichs Italien.

6 Antonio Giovanola (1814–1882), Senator und ehemaliger Minister für öffentliche Arbeiten des Königreichs Italien.

7 Giuseppe Gadda (1822–1901), Senator und ehemaliger Minister für öffentliche Arbeiten des Königreichs Italien.

8Das Deutsche Reich hatte die Reduzierung der noch zu erstellenden Strecke auf die Linie ImmenseePino vorgeschlagen. Emil Welti an Alfred Escher, 13. April 1877.

9Die Stadt Genua hatte 1870 eine Subvention für den Gotthard von 6 Mio. Franken zugesagt. Die Gotthardvereinigung, Absatz 39.

10Diesen Vorschlag zur Kostenreduktion machte das Deutsche Reich in einem Promemoria von April 1877. Vgl. Promemoria Deutsches Reich 1877; Emil Welti an Alfred Escher, 13. April 1877.

11 Edoardo de Launay (1820–1892), Botschafter des Königreichs Italien in Berlin.

12 Maraini sandte Escher eine Kopie dieses vom Januar 1877 stammenden Schreibens Launays an die italienische Regierung als Beilage seines Briefes vom 10. Mai 1877. Maraini setzte auf Eschers Diskretion und war einzig mit einer Weiterleitung an Welti einverstanden. Clemente Maraini an Alfred Escher, 10. Mai 1877.

13 Ludwig Bamberger (1823–1899), Mitglied des deutschen Reichstags.

14 Otto von Bismarck (1815–1898), Ministerpräsident und Aussenminister des Königreichs Preussen, Kanzler des Deutschen Reichs.

15Aussergewöhnliche Antriebssysteme und Trajektanstalten als Möglichkeiten der Kosteneinsparung wurden an der internationalen Rekonstruktionskonferenz im Juni 1877 diskutiert. Alfred Escher an Emil Welti, 16. Mai 1876, Fussnote 3; Alfred Escher an Gustav von Mevissen, 1. Juni 1876, Fussnote 2; Alfred Escher an Emil Welti, 2. September 1876, Fussnote 4; Die Rekonstruktion der Gotthardbahn, Absatz 10.

16 Heer war bereits Ende Februar erkrankt. Emil Welti an Alfred Escher, 1. März 1877.

17 Heer wurde am 23. Mai 1877 zusammen mit Welti, Schenk und Koller zum Mitglied der schweizerischen Delegation an der Konferenz bestimmt. Vgl. Prot. BR, 23. Mai 1877.