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Korrespondenz: Alfred Escher – Emil Welti

AES B2983 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#186* (Abzug)

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 295

Alfred Escher an Emil Welti, Zürich, Montag, 14. Mai 1877

Schlagwörter: Bundesrat, Eisenbahnen Verträge, Eisenbahngesellschaften Krise/Rekonstruktion, Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Gotthardbahnprojekt, Staatsverträge, Vereinigte Bundesversammlung

Briefe

1 Hochverehrter Herr & Freund!

Besten Dank für Ihre beiden verehrlichen Schreiben vom 12. & 142 dieses Monates.

Die Ansicht des Hrn. Sch., daß die Aushingabe eines Theiles der Caution3 an die G.B.gesellschaft, um ihr bis zu erfolgter Reconstruction die Fortführung der Bauten zu ermöglichen, der Zustimmung der Bundesversammlung bedürfe, ist mir unverständlich. Alles, was auf die Caution Bezug hat, ist in dem internationalen Vertrage in die Hand des Bundesrathes gelegt.4 Dieser Vertrag ist durch die Bundesversammlung genehmigt worden. Ein anderer Anhaltspunct für eine Einmischung der Bundesversammlung in die Cautionsmaterie ist mir nicht bekannt. Hr. Sch., mit dem ich bei meiner letzten | Anwesenheit in Bern über die Sache sprach, äußerte damals keine solche Bedenken. Ohne Zweifel ist er mittlerweile von übelwollender Seite beeinflußt worden!

Daß Chenevière5 in Rom dafür gewirkt hat, daß die G.B.gesellschaft fallen gelassen werde, verwundert mich nicht. Sie erinnern sich gewiß, daß ich Ihnen wiederholt sagte, ich sei überzeugt davon, daß die Comanditäre von Favre in der Hoffnung, damit ein gutes Geschäft zu machen, auf den Ruin der Gesellschaft hinarbeiten.

Das in Aussicht genommene Arrangement mit Glarus kann darum auf die Unterhandlungen mit den anderen Betheiligten nicht ungünstig influiren, weil Glarus viel größere Leistungen als alle andern übernimmt & man also jedem sagen kann, wenn er sich zu den gleichen Verpflichtungen verstehe wie Glarus, so werde man ihn auch gleich halten.6

Ich hoffe um die Mitte der Woche für ein | Paar Stunden nach Bern kommen zu können. Ich sollte über eine ganze Reihe von Puncten mit Ihnen & Hrn. Anderwert conferiren. Darf ich Sie bitten, letztern schönstens von mir zu grüßen & ihm zu sagen, daß ich hoffe, ihm demnächst mündliche Mittheilungen über die Verhandlungen mit Glarus & über die Situation am rechten Zürichsee Ufer machen zu können.7

Herzlich

Ihr

Dr A Escher

Zürich
14 Mai 1877.

Kommentareinträge

1Nachträgliche Notiz oben links auf Seite 1 von Eschers Hand mit Bleistift: «H. Bdsrath Welti, Bern» .

2 Vgl. Emil Welti an Alfred Escher, 14. Mai 1877.

3Gemeint ist die Kaution in Höhe von 10 Mio. Franken, welche die Gotthardbahn-Gesellschaft nach ihrer Konstituierung beim Bundesrat hinterlegen musste. Vgl. Prot. BR, 3. November 1871.

4 «Insbesondere hat sie [die Schweizerische Eidgenossenschaft] von der Gesellschaft eine Kaution zu verlangen, welche den durch sie einzugehenden Verpflichtungen in genügender Weise entspricht.» Staatsvertrag Gotthardbahn 1869, Art. 11.

5 Arthur Chenevière (1822–1908), Grossrat (GE), Gründer und Leiter der Banque Chenevière sowie Verwaltungsrat verschiedener Finanzinstitute.

6Wegen erheblicher Finanzschwierigkeiten der Gesellschaft wurde der Bau der Linie GlarusLintthal durch die Schweizerische Nordostbahn im Frühjahr 1877 eingestellt. Aufgrund eines mit dem Kanton Glarus getroffenen Abkommens nahm die Schweizerische Nordostbahn noch 1877 die Arbeiten wieder auf und übergab die Linie am 1. Juni 1879 dem Betrieb. Welti befürchtete, dass die Schweizerische Nordostbahn anderen Beteiligten, denen gegenüber sie Bauverpflichtungen eingegangen war, nicht gleich gute Bedingungen bieten könnte, wodurch namentlich die Verhandlungen über die Erstellung einer rechtsufrigen Zürichseebahn erschwert würden. Vgl. Joachim Heer an Alfred Escher, 29. April 1877; Alfred Escher an Joachim Heer, 30. April 1877; Emil Welti an Alfred Escher, 14. Mai 1877; Geschäftsbericht NOB 1877, S. 56; Geschäftsbericht NOB 1879, S. 84–87; Emil Welti an Alfred Escher, 5. April 1877.

7 Anderwert war durch den Bundesrat zum Kommissär in der NOB-Angelegenheit ernannt worden. Er leitete am 3. und 4. Mai 1877 eine Versammlung von Vertretern der Schweizerischen Nordostbahn und verschiedener Regierungen und Eisenbahnkomitees über eine Fristerstreckung der Bauverpflichtungen der Schweizerischen Nordostbahn. Vgl. NZZ, 9. Mai 1877, 11. Mai 1877; Emil Welti an Alfred Escher, 4. April 1877.