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Korrespondenz: Alfred Escher – Emil Welti

AES B2981 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#547*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 294 | Jung, Aufbruch, S. 669 (auszugsweise)

Emil Welti an Alfred Escher, Bern, Samstag, 12. Mai 1877

Schlagwörter: Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Gotthardbahnkonferenzen, Gotthardbahnprojekt, Vereinigte Bundesversammlung

Briefe

Hochgeehrter Herr und Freund.

So eben langen von Koller, der sich gut umthut u in wenig Tagen mehr erfahren hat als Pioda in Wochen, erfreuliche Nachrichten ein. Depretis1 hat ihm erklärt er werde in wenigen Tagen (dans un couple de jours) offiziell erklären Italien sei zur Conferenz bereit; es handle sich nur noch um die Bezeichnung der Delegirten von denen der eine Correnti2 sein soll, der aber zur Annahme noch nicht entschlossen ist. | Über die Instructionen der Delegirten scheint man aber noch nichts weniger als im klaren zu sein. Der Bericht3 Correnti ist noch nicht gemacht und soll dann erst zur Begutachtung an Zanardelli4 und von dort an den Ministerrath gehen. Wie es scheint ist man doch so ziemlich allgemein von der Idee als ob Italien nichts mehr thun soll zurückgekommen. Es sei im Plan den Betrieb der nördlichen und (der noch zu erwerbenden) südlichen italienischen Bahnen zwei Gesellschaften zu übertragen und diesen | die weiteren Leistungen Italiens zu überbinden. Über die Reduction des Bauprogrammes bestehen noch die verschiedensten Meinungen; die einen wollen die Pino die andern die Cenerelinie. Koller und Pioda arbeiten nun darauf hin, dass den Delegirten möglichst freie Hand gelassen wird. Jedenfalls wird jetzt gearbeitet u es ist durch Koller gegen mein Erwarten etwas Leben in die Sache gekommen. In jüngster Zeit sei auch Chenevière5 in Rom gewesen und habe sich angelegentlichst dafür verwendet, dass man | die Gesellschaft fallen lasse. Maraini, so sagt Koller, sei im Falle darüber nähere Auskunft zu geben.

Nun noch eine Anfrage, auf welche ich mir Ihre gefällige Antwort erbitte. Ich habe Herrn Schenk auf die grosse Wahrscheinlichkeit aufmerksam gemacht, dass die Verwendung der Caution6 in der Conferenz zur Sprache kommen könne. Er macht mir nun heute den Einwurf dazu bedürfe es der Zustimmung der Bundesversammlung. Ich bin noch zu keiner festen Ansicht gekommen und will gern die Ihrige vernehmen.

Ihr Ergebenster

E Welti

Bern den 12. Mai 1877.

Kommentareinträge

1 Agostino Depretis (1813–1887), Ministerpräsident des Königreichs Italien.

2 Cesare Correnti (1815–1888), ehemaliger Bildungsminister des Königreichs Italien.

3 Depretis beauftragte Correnti mit der Abfassung eines «préavis», da er mit den Anträgen Giuseppe Zanardellis nicht einverstanden war. Vgl. Emil Welti an Alfred Escher, 7. Mai 1877; Clemente Maraini an Alfred Escher, 24. April 1877.

4 Giuseppe Zanardelli (1826–1903), Minister für öffentliche Arbeiten des Königreichs Italien.

5 Arthur Chenevière (1822–1908), Grossrat (GE), Gründer und Leiter der Banque Chenevière sowie Verwaltungsrat verschiedener Finanzinstitute.

6Gemeint ist die Kaution in Höhe von 10 Mio. Franken, welche die Gotthardbahn-Gesellschaft nach ihrer Konstituierung beim Bundesrat hinterlegen musste. Vgl. Prot. BR, 3. November 1877.