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Korrespondenz: Alfred Escher – Emil Welti

AES B2962 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#547*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 288

Emil Welti an Alfred Escher, Bern, Dienstag, 24. April 1877

Schlagwörter: Bundesrat, Deutscher Reichstag, Diplomatische Aktivitäten, Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Presse (allgemein), Schweizerische Nordostbahn (NOB), Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Hochgeehrter Herr und Freund

So eben geht ein Telegramm1 von Herrn Roth2 ein, worin er meldet Bülow3 habe die Vorstellungen des Bundesrathes gegen seine jüngste Mittheilung günstig aufgenommen und erklärt, dass er die Stellung der Schweiz wohl begreife; er werde sofort mit dem Reichskanzleramt in Verbindung treten und unser Ansuchen erledigen. Also doch wieder ein Lichtblick.

Nun eine andere Angelegenheit. Sie haben aus | den Zeitungen4 ersehen, dass Bamberger5 (der mir noch nicht geantwortet hat) im Ausschuss des Reichstages erklärte, er habe Berichte erhalten, dass man in Frankreich sich mit der Frage der Subvention des Gothard beschäftige. Diese Erklärung, die mir von vornherein missfiel, scheint in den Berliner Regierungskreisen Staub aufgeworfen zu haben, wie ich einer Andeutung des Herrn Röder entnehme. Wenn man dort auch nicht daran glaubt, dass der Bundesrath Schritte in Paris gethan habe, so scheint man doch zu vermuthen, es sei auf irgend einem Wege von der Schweiz aus ver| sucht worden Frankreich in das Interesse zu ziehen. Ich habe Herrn von Röder sofort darüber beruhigt und er wird auch allem aufbieten, um in Berlin einen so verderblichen Verdacht zu beseitigen. Ich glaube nicht zu irren, wenn ich die Veranlassung des ganzen Geschwätzes auf die Verhandlungen zurückführe, die nach Ihrer frühern Mittheilung, der würtembergische Unternehmer (sein Name ist mir entfallen) mit der Pariser Finanz geführt hat, um sich die Mittel für die eventuelle Übernahme von Gothardlinienbauten zu sichern.6 Möglich wäre es auch, dass die Finanzunterhandlungen der Nord| ostbahn mit dem Gothard in Verbindung gebracht worden sind.

Immerhin ist die Sache wichtig genug, dass ich Sie darauf aufmerksam machen wollte. Von Italien immer noch nichts. – Herr Heer verreist heute nach Glarus.

Herzlichen Gruss von

Ihrem Ergebensten

E Welti

Bern den 24. April 1877.

Kommentareinträge

1 Vgl. Prot. BR, 24. April 1877.

2 Arnold Roth (1836–1904), ausserordentlicher Gesandter und bevollmächtigter Minister der Schweiz in Berlin.

3 Bernhard Ernst von Bülow (1815–1879), Staatsminister ohne Geschäftsbereich des Königreichs Preussen, Staatssekretär des Auswärtigen Amts des Deutschen Reichs.

4 Bamberger erklärte in der Budgetkommission des Reichstages, ihm seien «aus Frankreich Berichte zugegangen, denen zufolge die französische Regierung mit Freuden die Gelegenheit zur Subventionirung der Gotthardbahn ergreifen würde, um sich dort ihren Einfluß zu sichern» . NZZ, 16. April 1877.

5 Ludwig Bamberger (1823–1899), Mitglied des deutschen Reichstags.

6Gemeint ist wohl der Unternehmer und Ingenieur Heinrich Single, der mit Escher über eine allfällige Bauübernahme der nördlichen und südlichen Zufahrtslinien verhandelte. Single hatte sich an Unternehmer in Paris gewandt, nachdem er mit seinen Bemühungen, Kapital zu gewinnen, bei Bankhäusern in der Schweiz und im Deutschen Reich auf Ablehnung gestossen war. Vgl. Heinrich Single an Alfred Escher, 14. März 1877; Heinrich Single an Alfred Escher, 14. März 1877; Moeschlin, Gotthard, S. 564–568.