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Korrespondenz: Alfred Escher – Emil Welti

AES B2957 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#547*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 284 | Jung, Aufbruch, S. 667–668 (auszugsweise)

Emil Welti an Alfred Escher, Bern, Freitag, 13. April 1877

Schlagwörter: Bundesrat, Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Gotthardbahnkonferenzen, Gotthardbahnprojekt, Gotthardtunnel, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Hochgeehrter Herr und Freund!

Herr von Röder hat heute eine Note1 von Bülow2 und ein dazugehöriges Promemoria3 mitgetheilt.4 Der Inhalt der Note ist folgender: Die deutsche Regierung habe vorerst sich mit Italien ins Benehmen gesetzt; da sie aber von dorther noch keine Antwort erhalten, so sehe sie sich veranlasst sich an uns zu wenden u erkläre auch jetzt noch mit allem Interesse bei dem Gothard betheiligt zu sein. Bevor aber die Conferenz beschickt werden könne, müsse eine gemeinsame Grundlage dafür gesucht und zwischen allen drei Staaten vereinbart werden. Einen Vorschlag dazu enthalte das beiliegende Promemoria. | Dieses letztere enthält folgende Puncte von Bedeutung:
1) die technischen Abänderungen welche von den hiesigen Experten vorgeschlagen wurden, werden angenommen. (Einzig wird doppelspurige Anlage des Goldauertunels5 verlangt.)
2) die Kostenberechnungen werden als gewissenhaft anerkannt und den deutschen Vorschlägen zu Grunde gelegt.
3. es wird das Bedauern ausgesprochen, dass zwar Finanzpläne der Direction nicht aber solche des Bundesrathes vorliegen.
4. die Vorschläge der Direction werden als zu weitgehend bezeichnet; bei der Berechnung des Deficits könne Deutschland nur die Kosten für eine durch| gehende Linie in Rechnung bringen lassen; die Kosten für LuzernImmensee, ZugArth, und BellenzLugano hätten wegzufallen.6 Bei dieser Reduction des Programmes bleibe nur noch ein Deficit Fr. 45.600.000 und ein Ertrag von Fr. 6.000.000. Dieser letztere genüge, um nicht bloss die Obligationen des jetzigen Finanzplanes (68 Millionen) sondern auch noch weitere Fr. 25.500.000 zu verzinsen. Ziehe man letztere neu zu beschaffende Summe von den obigen 45½ Millionen ab, so bleiben noch als unaufbringliches d. h. durch neue Subventionen zu deckendes Deficit 20 Millionen. (In dem Pro memoria das mir nicht vor den Augen liegt ist die Summe genauer berechnet u beträgt annähernd 19 Millionen.)7 An dieser Summe, | aber an keiner höhern, wolle sich Deutschland betheiligen.

Das ist der Hauptinhalt des Actenstückes, über das ich mich jeder Bemerkung heute enthalte: Unbegreiflich ist es mir, dass u. wie wir uns über diese «Grundlage» vor dem Zusammentritt der Conferenz vereinigen sollen.

Ihr

E Welti

Bern den 13. April 1877.

Kommentareinträge

1 Vgl. Schreiben Bernhard Ernst von Bülow an Maximilian Heinrich von Roeder, 8. April 1877 (BAR J I.67-6.66).

2 Bernhard Ernst von Bülow (1815–1879), Staatsminister ohne Geschäftsbereich des Königreichs Preussen, Staatssekretär des Auswärtigen Amts des Deutschen Reichs.

3 Vgl. Promemoria Deutsches Reich 1877.

4Die Mitteilung, über deren Inhalt Welti hier Escher in Kenntnis setzt, war am 17. April 1877 Gegenstand einer ausführlichen Besprechung im Gesamtbundesrat.Vgl. Emil Welti an Alfred Escher, 18. April 1877; Prot. BR, 17. April 1877; Alfred Escher an Emil Welti, 17. April 1877, Fussnote 5.

5 «Der 2500 Meter lange Tunnel bei Goldau, würde bei eingeleisiger Anlage nicht in ausreichender Weise auf natürlichem Wege ventilirt werden und daher behufs genügender Ventilation besonderer kostspieliger Einrichtungen bedürfen, auch für die nachträgliche Herstellung des zweiten Bahngeleises ohne Einstellung des Betriebes nicht erweitert werden können. Es ist deßhalb zu wünschen, daß der Tunnel bei Goldau von Anfang an zweigeleisig angelegt wird.» Promemoria Deutsches Reich 1877.

6Das Deutsche Reich schlug somit als Gegenprojekt zu den Vorschlägen der Direktion der Gotthardbahn-Gesellschaft eine Beschränkung des Bahnnetzes auf die «Hauptbahn ImmenseePino » und die bereits in Betrieb stehenden Nebenlinien LuganoChiasso und CadenazzoLocarno vor. Da der Wegfall der vertragsgemäss zu erstellenden Nebenbahnen «die lokalen Interessen einzelner Kantone, welche an der Aufbringung des von der Schweiz übernommenen Antheiles am Subventionsbetrage betheiligt sind» , berührte, würde es der Schweiz überlassen bleiben, «die zur Beseitigung solcher Schwierigkeiten geeigneten Mittel und Wege zu finden» . Promemoria Deutsches Reich 1877. – Die Direktion der Gotthardbahn-Gesellschaft teilte dem Bundesrat mit, dass ihrer Ansicht nach «das dem Promemoria zu Grunde liegende Programm in finanzieller Beziehung nicht durchführbar sei» . Prot. BR, 14. Mai 1877. – Am 17. April beschloss der Bundesrat, die Schweizer Gesandten in Berlin bzw. Rom zu instruieren, gegen die im Promemoria geäusserte Idee vorzugehen und sich vor Abhalten der Konferenz auf diplomatischem Wege über gewisse Grundlagen zu verständigen. Vgl. Prot. BR, 17. April 1877. – Escher äussert sich zur Haltung des Deutschen Reichs in der Gotthardfrage in Briefen an Welti bzw. an Clemente Maraini. Alfred Escher an Emil Welti, 17. April 1877; Alfred Escher an Clemente Maraini, 29. April 1877.

7Das Auswärtige Amt berechnete die durch Subventionen zu deckende Differenz auf 20 012 071 Franken. Diese Summe würde sich beim Verzicht auf die Verzinsung während der Bauzeit auf 18,5 Mio. Franken reduzieren. Vgl. Promemoria Deutsches Reich 1877.