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Korrespondenz: Alfred Escher – Emil Welti

AES B2946 | CH-BAR#J1.2#1000/1310#80*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 282

Alfred Escher an Emil Welti, Zürich, Mittwoch, 4. April 1877

Schlagwörter: Berufsleben, Familiäres und Persönliches, Universitäre Studien

Briefe

Hochverehrter Herr & Freund!

In Beantwortung Ihres lieben Briefes1 vom 2. dss. Mon., den ich erst gestern Abend bei meiner Rückkehr von Luzern erhalten, habe ich Ihnen vorerst für das große Zutrauen herzlich zu danken, welches Sie mir dadurch beurkunden, daß Sie mich über die Frage der Ausbildung Ihres Sohnes2, welche Ihnen nahe gehen muß, wie keine andere, zu Rathe ziehen.3 Wenn warme Theilnahme an dem Geschicke Ihres Emil einen Anspruch auf dieses Zutrauen zu begründen vermöchte, so hätten Sie es keinem Unwürdigen zugewendet.

Zu der Sache selbst übergehend kann ich nur erklären, daß ich mit dem Programme, welches Sie bezüglich der Ausbildung Ihres Sohnes während des bevorstehenden Sommersemesters aufstellen, von A bis Z ein| verstanden bin. Ich bin von der Überzeugung durchdrungen, daß man einem Sohne, wenn etwas, die Wahl des Berufes frei stellen soll. Und ebenso steht bei mir fest, daß, wenn Ihr Sohn im kommenden Sommer die Hälfte der Zeit in der Creditanstalt & die andere Hälfte in der Schule zubrächte, dieß eben an beiden Orten nur etwas Halbes wäre. Ich kann also Ihrem Vorhaben nur meinen vollen Beifall geben & habe nur noch zwei Dinge hinzuzufügen. Fürs erste würde ich rathen, daß Ihr Sohn, wenn er den künftigen Sommer in vollem Umfange der Schule widmet, das Studium der neuen Sprachen ja nicht außer Acht lasse. Und fürs zweite möchte ich den Wunsch aussprechen, daß, wenn er nicht in Bern seinen Studien obliegen soll, er dieß in Zürich thue. Es würde mir wahrhaft leid thun, ihn nicht mehr im Kreise unserer Familie, als deren Glied er uns allen erschienen ist, begrüßen zu können.

Herrn Director Stoll4 habe ich noch kein Wort von dem Inhalte des Schreibens, das Sie an mich gerichtet, mitgetheilt. Wenn Sie es aber wünschen, so werde ich mit Freuden die An| gelegenheit mit ihm besprechen & Ihnen dadurch die Mühe einer eingehenden schriftlichen Mittheilung ersparen.

In herzlicher Freundschaft

Ihr

Dr A Escher

Zürich
4 April 1877.

Kommentareinträge

1Brief nicht ermittelt.

2 Friedrich Emil Welti (1857–1940), angehender Jurist und Historiker, Sohn von Carolina und Emil Welti.

3Bereits ein Jahr zuvor liess sich Welti von Escher bezüglich der Ausbildung seines Sohnes beraten. Alfred Escher an Emil Welti, 7. April 1876; Emil Welti an Alfred Escher, 10. April 1876; Emil Welti an Alfred Escher, 24. April 1876; Alfred Escher an Emil Welti, 29. April 1876.

4 Georg Stoll (1818–1904), Verwaltungsrat der Gotthardbahn-Gesellschaft, Vizepräsident des Verwaltungsrats der Schweizerischen Nordobstbahn, Direktionsmitglied der Schweizerischen Kreditanstalt.

Kontexte