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Korrespondenz: Alfred Escher – Emil Welti

AES B2945 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#547*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 281

Emil Welti an Alfred Escher, Bern, Mittwoch, 4. April 1877

Schlagwörter: Bundesrat, Gotthardbahnprojekt, Schweizerische Nordostbahn (NOB)

Briefe

Sehr verehrter Herr und Freund

Herr Roth1 hat mir heute einen Brief des Herrn Claparède2 geschickt, worin dieser über eine Unterhaltung mit Herrn Kinel3 berichtet. Ich habe die Aeusserungen Kinels ausgezogen und lege die Abschrift bei.4 Von Bamberger5 ist mir noch keine Antwort zu Theil geworden; ebensowenig wissen wir etwas Neues aus Rom und Pioda scheint nichts zu thun, um die Sache in Fluss zu bringen. In der Nordostbahn angelegen| heit hat der Bundesrath so eben (ich schreibe in der Sitzung) beschlossen: es habe die nachgesuchte Intervention des Bundesrathes einzutreten in dem Sinne dass ein Commissär bezeichnet werde, dem die Aufgabe obliegt namens des Bundesrathes die guten Dienste des letztern anzubieten.6 Diese «guten Dienste» sollen in der Leitung der Verhandlungen bestehen und eine «gütliche Erledigung» der zwischen den Parteien bestehenden Anstände zum Zielpunct haben. Eine bestimmte Redaction ist noch nicht beschlossen. Die Stimmung des Bundesrathes ist eine günstige. Der Commissär ist noch nicht bezeichnet; sobald | es geschehen sein wird, gebe ich Ihnen Kenntniss.

Schliesslich kommt der Bundesrath auf die Commissärfrage zurück und beschliesst einstimmig, es sei statt eines dritten7 Delegirten ein Mitglied der Behörde zu bezeichnen; der Reihe nach wird der Chef des Dep.8 u sein Stellvertreter ( Droz9 ) und endlich Herr Anderwert vorgeschlagen und der letztere designirt; er bittet sich bis morgen Bedenkzeit aus, wird aber ohne allen Zweifel annehmen.

Um die Post nicht zu versäumen breche ich ab und empfehle mich mit höflichstem Grusse

Ihr Ergebenster

E Welti

Bern den 4 April 1877.

Kommentareinträge

1 Arnold Roth (1836–1904), ausserordentlicher Gesandter und bevollmächtigter Minister der Schweiz in Berlin.

2 Alfred de Claparède (1842–1922), Legationsrat der Schweizer Gesandtschaft in Berlin.

3 Albert Kinel (1825–1911), Geheimer Oberregierungsrat im Reichskanzleramt des Deutschen Reichs, zuständig für Elsass-Lothringen.

4 Kinel konnte wegen der gleichzeitigen Behandlung durch Reichskanzleramt und Auswärtiges Amt nicht sagen, wie in Deutschland die Lage hinsichtlich der Gotthardkonferenz stand. Zwar wolle Deutschland das begonnene Werk nicht fallenlassen und müsse sich für weitere Unterhandlungen nicht mit Italien verständigen. Jedoch könnten die vorliegenden Vorschläge der Direktion der Gotthardbahn-Gesellschaft weder einfach angenommen werden noch als Basis für eine Konferenz dienen. Die Rekonstruktion des Unternehmens habe ihre Schwierigkeit namentlich darin, «dass alle Staaten kein Geld haben und dass Gelder überhaupt schwer zu beschaffen sind. Auch bei dem besten Willen der Regierungen können dieselben nicht alles machen. Die Gesellschaft wird jedenfalls stark in ihre Säckel greifen müssen.» Die «eingetretenen Zögerungen» seien «überaus nachtheilig» , da die Gesellschaft vom 1. April an «wegen der Nichtausführung der vertragsmässig festgesetzten Arbeiten (Beginn der Arbeiten GoldauFlülen, FlülenGöschenen, AiroloBiasca, BellinzonaLugano) im Verzuge» sei. Emil Welti an Alfred Escher, 4. April 1877 – Der von Kinel erwähnte Verzug per 1. April gründet auf den Bestimmungen des Staatsvertrags von 1869. Für die Bauzeit der genannten Linien, deren Eröffnung zeitgleich mit jener des Gotthardtunnels erfolgen sollte, wurden 4½ Jahre angenommen. Da die Eröffnung des Gotthardtunnels bei einer vertragsgemässen Bauzeit von neun Jahren am 1. Oktober 1881 zu erwarten war, hätten die Arbeiten an den erwähnten vier Linien am 1. April 1877 begonnen werden sollen. Vgl. Staatsvertrag Gotthardbahn 1869, Art. 3; Die Gotthardvereinigung, Absatz 58.

5 Ludwig Bamberger (1823–1899), Mitglied des deutschen Reichstags.

6 Vgl. Prot. BR, 4. April 1877.

7Wort nachträglich von Eschers Hand mit Bleistift unterstrichen mit Notiz: «außer d. Behörde stehenden».

8Gemeint ist der Vorsteher des Eisenbahn- und Handelsdepartements, Karl Schenk.

9 Numa Droz (1844–1899), Bundesrat (NE).