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Korrespondenz: Alfred Escher – Josef Zingg

AES B2935 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#569*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 277

Josef Zingg an Alfred Escher, Bern, Freitag, 9. März 1877

Schlagwörter: Bundesrat, Diplomatische Aktivitäten, Eisenbahnen Finanzierung, Eisenbahngesellschaften Krise/Rekonstruktion, Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Hochverehrter Herr Präsident!

Ich beehre mich Ihnen hiemit im Anschluße den Brief1 Maraini's wieder zu übermachen, welchen mir vorgestern Hr. Bundesrath Welti übergeben hat & den ich Ihrem Wunsche gemäß Hrn. Schenk zur Kenntnißnahme mitgetheilt habe. Hr. Schenk hat mir bei diesem Anlaße gesagt, daß ein neuer Bericht2 des Hrn. Dr. Roth3 eingelangt sei, zufolge welchem Hr. v. Bulow4 die Hoffnung ausgesprochen habe, noch im Laufe dieses Monats die internationale Comm. beschiken zu können. Hr. v. Bulow | habe des Fernern eröffnet, daß auch die italienische Regierung – welcher gegenüber man es nicht an Mahnungen zur Beförderung der Sache habe fehlen laßen – sich für Erhaltung der bestehenden Gesellschaft ausgesprochen habe. Durch Hrn. B.R. Hammer5 ist mir noch mitgetheilt worden, daß der Bundesrath beschloßen hat, durch Hrn. Pioda bei der italienischen Regierung neuerdings auf beförderliche Antwort zu dringen.6Hrn. Bundesrath Schenk habe ich vorläufig mündlich von den Verhandlungen mit der Diskontogesellschaft7 betreffend Hinausschieben des Abnahmetermins für die IV. Serie | unserer Obligationen8 Kenntniß gegeben & eine schriftliche Eingabe betr. Genehmigung unsres Beschlußes in Aussicht gestellt. Er äußerte bei diesem Anlaße die sonderbare Ansicht daß, wenn man den Termin nicht verlängern & im Falle der Nichteinzahlung die Caution9 für verfallen erklären würde, man vielleicht eine festere Handhabe gegen das Consortium bei den Rekonstruktionsverhandlungen haben dürfte. Ich weiß nicht, ob es mir gelungen ist, diese nach meiner Auffaßung verkehrte Anschauung zu berichtigen; ich werde nicht ermangeln, diesfalls noch mit Hrn. Welti zu sprechen, der sich übrigens bereits mit unserm Beschluße ganz | einverstanden erklärt hat. Hr. Sch. scheint den Gedanken zu hegen, man werde bei der Rekonstruktion dem bestehenden Aktien- & Obligationenkapital Prioritätsobligationen voranstellen & wenn die Obligationen in Folge einer Erklärung des Consortiums, die IVte Serie nicht einzahlen zu 10 wollen, recht tief sinken, die Obligationsinhaber um so leichter zu einem solchen Arrangement bringen können! –

Genehmigen Sie inzwischen die Versicherung ausgezeichnetster Hochachtung von Ihrem

freundschaftl. ergebenen

J. Zingg.

Bern d. 9. März 1877.

Kommentareinträge

1Beilage nicht ermittelt.

2Bericht nicht ermittelt. – Es handelt sich vermutlich um den Bericht Roths vom 5. März 1877, unter anderem «über den Stand der Frage betreffend die Abhaltung einer Konferenz für die Wiederherstellung der Gotthardbahn-Gesellschaft» . Prot. BR, 9. März 1877.

3 Arnold Roth (1836–1904), ausserordentlicher Gesandter und bevollmächtigter Minister der Schweiz in Berlin.

4 Bernhard Ernst von Bülow (1815–1879), Staatsminister ohne Geschäftsbereich des Königreichs Preussen, Staatssekretär des Auswärtigen Amts des Deutschen Reichs.

5 Bernhard Hammer (1822–1907), Bundesrat (SO).

6 Vgl. Prot. BR, 9. März 1877.

7Gemeint ist die Berliner Disconto-Gesellschaft, ein Mitglied des Finanzkonsortiums zur Beschaffung des Investitionskapitals der Gotthardbahn. Die Gotthardvereinigung, Geldbeschaffung: Die Bildung des Finanzkonsortiums.

8Der ursprünglich auf den 31. März 1877 festgesetzte Abnahmetermin für die vierte Serie der Gotthardbahnobligationen in der Höhe von 20 Mio. Franken wurde angesichts der noch nicht vollzogenen Rekonstruktion zuerst auf den 30. Juni, sodann auf den 15. August und schliesslich auf den 31. Oktober 1877 verschoben. Am 17. September 1877 begannen zudem die Verhandlungen über die Abnahme der vierten Obligationenserie zwischen der Gotthardbahn-Gesellschaft und dem Finanzkonsortium. Vgl. Geschäftsbericht GB 1877, S. 11; Die Rekonstruktion der Gotthardbahn, Absatz 20.

9Das Finanzkonsortium hatte sich vertraglich verpflichtet, der Gotthardbahn eine Kaution im Umfang von 20% des noch nicht abgenommenen Obligationenkapitals zu hinterlegen. Der Wert der vierten Obligationenserie betrug 20 Mio. Franken, derjenige der Kaution dementsprechend 4 Mio. Franken. Vgl. Vertrag Beschaffung Baukapital, § 7 lit. d, § 11; Geschäftsbericht GB 1877, S. 13.

10Unleserliche Nachträgliche Notitz von dritter Hand mit Bleistift