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Korrespondenz: Alfred Escher – Maximilian Heinrich von Roeder

AES B2920 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#186* (Abzug)

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 272 | Jung, Aufbruch, S. 292 (auszugsweise), 297 (auszugsweise), 538 (auszugsweise) | Gagliardi, Escher, S. 628–629 (auszugsweise)

Alfred Escher an Maximilian Heinrich von Roeder, Zürich, Mittwoch, 21. Februar 1877

Schlagwörter: Deutscher Bundesrat, Eisenbahnen Finanzierung, Eisenbahngesellschaften Krise/Rekonstruktion, Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Gotthardbahnprojekt, Schweizerische Nordostbahn (NOB)

Briefe

Hochverehrter Herr & Freund!

In später Stunde ergreife ich noch die Feder, um Ihnen auf Ihre freundlichen Zeilen vom 19. dss. Mon.1 zu antworten.

Ich habe Ihrem Wunsche gemäß mit Hrn. Director Stoll2 über die Frage Rücksprache genommen, ob der Verkauf Ihrer 50 Nordostbahnactien als angezeigt erscheine. Wir beide sind der übereinstimmenden Ansicht, daß der gegenwärtige Augenblick der ungünstigste für den Curs dieser Actien3 sein dürfte & daß es daher nicht räthlich sei, jetzt dieselben loszuschlagen. Ich brauche wohl nicht hinzuzufügen, daß, da wir nicht in die Zukunft zu blicken vermögen, wir auch keine Verantwortlichkeit übernehmen können. Wenn Sie uns aber angehen, Ihnen unser Gutachten nach bestem Wissen & Gewissen abzuge| ben, so können wir dieß nicht anders thun, als wie es geschehen ist.

Sie können sich denken, mein hochverehrter Freund! was Angesichts der gegenwärtigen Lage der Nordostbahn, die ich seiner Zeit mit unsäglichen Mühen & Anstrengungen, von denen man jetzt keinen Begriff mehr hat, in's Leben gerufen habe, in mir vorgeht! Ich habe heute ein Reorganisationsproject vollendet, welches dazu geeignet sein dürfte, die Nordostbahn wieder auf einen gesunden Boden zu bringen. Die Durchführung dieses Projectes erheischt aber die Überwindung einer Legion von Schwierigkeiten. Ich werde vor denselben im Hinblicke auf die großen Interessen, welche sich an die Erreichung des vorgesteckten Zieles knüpfen, nicht zurückschrecken.

Neben dieser Nordostbahncalamität läuft der Gotthard her. Sie haben schon soviel für denselben gethan & sind, wie es scheint, noch nicht müde geworden. Die Thätigkeit, die Sie in dem gegenwärtigen, wie ich glaube, ziemlich entscheidenden Augenblicke neuerdings walten lassen, verpflichtet uns zu dem größ| ten Danke. Ich glaube, daß eine Intrigue der häßlichsten Art gegen die Gesellschaft & ihre Organe in Berlin spielt, & es ist derselben Seitens des Bundesrathes vielleicht zu sehr das Terrain überlassen worden. Ich kann aber nicht annehmen, daß die deutsche Regierung einer solchen Intrigue ein willfähriges Ohr leihen werde.

Lydie4 freut sich sehr, daß Sie ihrer immer so liebenswürdig gedenken. Sie emphiehlt sich Ihnen & Ihrer hochverehrten Frau Gemalinn5 aufs angelegentlichste & es schließt sich ihr gerne an

Ihr Ihnen in warmer Verehrung & treuer Freundschaft ergebener

Dr A Escher

Zürich
21. Febrr 1877

Kommentareinträge

1 Vgl. Maximilian Heinrich von Roeder an Alfred Escher, 19. Februar 1877.

2 Georg Stoll (1818–1904), Verwaltungsrat der Gotthardbahn-Gesellschaft, Vizepräsident des Verwaltungsrats der Schweizerischen Nordostbahn, Direktionsmitglied der Schweizerischen Kreditanstalt.

3Am 21. Februar 1877 notierte der Geldkurs der NOB-Stammaktie in Zürich bei Fr. 152.50, derjenige der NOB-Prioritätsaktie bei Fr. 382.50. Vgl. NZZ, 22. Februar 1877.

4 Lydia Escher (1858–1891), Tochter von Augusta und Alfred Escher.

5 Bertha Mathilde von Roeder-Ausset (1816–1895), aus Vevey, verwitwete von Gycko; ab 1839 zweite Ehefrau Roeders.