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Korrespondenz: Alfred Escher – Peter Olivier Zschokke

AES B2904 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#574*

In: Jung, Escher Briefe, Band 6, Nr. 19

Peter Olivier Zschokke an Alfred Escher, Aarau, Mittwoch, 31. Januar 1877

Schlagwörter: Eisenbahnrückkauf, Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Gotthardbahnprojekt

Briefe

Aarau 31. Jänner 1877

Herren Dr A. Escher Präsident des Direktorium der Gotthardtbahn in
Zürich

Verehrter Herr,

Unmittelbar nach Bekanntwerden der Resultate der Gotthard-Voranschläge1 (im März 1876) bearbeitete ich ein Exposé2 über die Lage der schweiz: Bahnen, & zwar um mir selbst vorerst klar zu legen, welche Mittel dazu angethan sein möchten die Schwierigkeiten der Lage zu überwinden. Ich kam zum Schluß: daß wohl einzig eine solide Wiederbelebung ds schweiz: Credits zu dem gewünschten Ziele führen dürfte, & daß zu | Erreichung deßelben, (vorläufig absehend von der rechtlichen Möglichkeit) die Betriebsübernahme, oder aber, in zweiter Linie, der Rükkauf der Bahnen durch den Bund die geeigneten Mittel sein werden. Überwiegende Gründe führten mich dazu, den ersten Vorschlag als den z. Z. richtigen zu erkennen – & den Rükkauf erst dann in Aussicht zu nehmen, wenn die Nothlage der schweiz: Eisenbahnen die Betriebsübernahme als zu spät erscheinen lassen , & überhaupt keinen andern Ausweg mehr offen lassen würde.

Heute, nach noch nicht ganz Jahresfrist, sind die Verhältnisse der schweiz: Bahnen noch schlimmer & daher zwingender , ja sogar manche Vorausetzungen & Zahlen ds Exposé zur nakten Wahrheit geworden. | Ich halte es daher nicht unstatthaft heute die vorhererwähnte Arbeit einem weitern Kreis competenter Männer vorzulegen, in der Meinung, daß dieselbe blos als vorbereitende Anregung zur Beurtheilung der Frage betrachtet werden darf – nachdem dieselbe schon letztes Jahr (14 März 76) in einem Kreise meiner nähern Bekannten besprochen worden ist.3

Ich glaube mich nun nicht zu täuschen, wenn ich sage, daß die Frage der Betriebsübernahme oder d. Rükkauf der Eisenbahnen durch den Bund über kurz oder lang an uns Alle herantreten wird & muß – & daß nur durch das Zusammenwirken gutgesinnter Männer aller gesellschaftl: Kreise & Partheien die große Gefahr abgewendet werden kann, welche der Schweiz durch | die letzte aber entscheidende Bahnen-Crisis erwachsen wird. In diesem Sinne wende ich mich auch an Sie, verehrter Herr, indem ich Ihnen das erwähnte Exposé vom 6 März 76 hiemit übersende, mit der Bitte, daßelbe bestens würdigen zu wollen. Ich werde Ihnen sehr verpflichtet sein, wenn Sie die Gefälligkeit haben wollen mir gelegentl: das Resultat Ihrer Prüfung mitzutheilen, – führe dieselbe Sie nun zu einer Annahme oder Ablehnung des von mir angeregten Gedankens.

Ich ergreife den Anlaß Sie meiner ausgezeichnetsten Hochschätzung zu versichern

Olivier Zschokke.

Kommentareinträge

1 Konrad Wilhelm Hellwag, der im April 1875 die Stelle als Oberingenieur der Gotthardbahn übernommen hatte, legte im Februar 1876 einen neuen approximativen Kostenvoranschlag vor. Hellwag rechnete damit, dass die ursprünglich budgetierten 187 Mio. Franken um 102 Mio. Franken überschritten würden. Vgl. Jung, Aufbruch, S. 661–662; Die Rekonstruktion der Gotthardbahn, Oberingenieur Hellwags Kostenvoranschlag vom Frühjahr 1876; Chronologie der Gotthardbahn 1863–1882: Von der Gotthardvereinigung bis zur Betriebsaufnahme, Eintrag 87; Die Finanzierung der Gotthardbahn: Alfred Eschers Meisterstück.

2 Vgl. Zschokke Peter Olivier, Rückkauf oder Betriebsübernahme der schweizerischen Eisenbahnen durch den Bund [Exposé] (BAR J I.67-6.63).

3Zschokke publizierte seine überarbeitete Studie im März 1877 unter dem Titel «Betrieb der Schweizerischen Eisenbahnen unter der Leitung des Bundes». Vgl. Zschokke, Betrieb.