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Korrespondenz: Alfred Escher – Josef Zingg

AES B2881 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#569*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 258

Josef Zingg an Alfred Escher, Luzern, Samstag, 18. November 1876

Schlagwörter: Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Rechtliches, Regierungsrat ZH, Staatsverträge, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Hochverehrter Herr Präsident!

Die auf die Auszahlung der IV. Subventionsrate der GB. bezügliche «Weisung» des Regierungsrathes v. Zürich1, welche Sie mir gestern mitzutheilen die Gefälligkeit hatten, ist in einer Form abgefaßt, gegen die nichts einzuwenden ist & sie trägt auch keinerlei Animosität gegen die Verwaltung der Gotthardbahn zur Schau. Nichtsdestoweniger hat sie auf mich keinen befriedigenden Eindruk gemacht. Die Behandlung der Rechtsfrage2 erscheint mir geschraubt & schief & der wiederholte Ausdruk des Zweifels, ob die Rekonstruktion des Unternehmens gelingen werde, nicht unabsichtlich zu sein. Nach meiner | Auffaßung lag es für eine Regierung, welche der Gesellschaft in einer kritischen Lage, die sie nicht verschuldet hat, eine wohlwollende Unterstützung zuwenden wollte, doch nahe, die Rechtsfrage anders zu stellen & etwas Vertrauen, statt Mißtrauen in die Reorganisation der Unternehmung kund zu geben. Auch ist die Behauptung, daß im Falle des Mißlingens der Rekonstruktion die bezahlten & die in Frage stehende Subventionsrate «verloren» sein würde, so peßimistisch, daß ich zweifle, ob Hr. Ziegler3 daran glaubt. –

Ein sehr beachtenswerther Punkt der Weisung liegt jedenfalls, wie Sie gestern schon andeuteten, in der starken Betonung der nördlichen Zufahrtslinien für | die Intereßen v. Zürich.4 Es hat den Anschein, als sei man an betr. Stelle geneigt, auch die fernere Subvention v. Zürich in Frage zu stellen, wenn in dieser Richtung den Zürcherischen Intereßen nicht Rechnung getragen würde. Dieß hat mich überrascht, da ich wohl erwartete, daß man in Luzern & Bern einen solchen Standpunkt einnehmen werde5, nicht aber in Zürich. Wir dürfen in dieser Erscheinung gewiß eine neue Bestärkung der Ansicht finden, daß ein Rütteln an den Hauptgrundlagen des internationalen Vertrages6 die allergrößte Gefahr für die Erhaltung der Gesellschaft in sich birgt. –

In ausgezeichneter Hochachtung

Ihr stets ergebener

J. Zingg.

Luzern d. 18. Nov. 76.

Kommentareinträge

1 Vgl. Weisung, in: Beschlussentwurf Regierungsrat Zürich 1876, S. 1–4.

2Der Kanton Zürich behielt sich in einem Schreiben an den Bundesrat das Recht vor, angesichts der schwierigen Finanzlage der Gotthardbahn-Gesellschaft die Frage zu prüfen, «ob Zürich zur Leistung seiner Subvention, bezw. zur Leistung weiterer Subventionszahlungen verpflichtet sei» . Beschlussentwurf Regierungsrat Zürich 1876, S. 1–2.

3 Gottlieb Ziegler (1828–1898), Regierungsratspräsident und Nationalrat (ZH), Verwaltungsrat der Schweizerischen Nordostbahn.

4 Zu den Zufahrtslinien LuzernKüssnachtImmenseeGoldau und namentlich ZugSt. AdrianGoldau hielt der Zürcher Regierungsrat fest: «Immerhin darf schon jetzt bezweifelt werden, ob auch für den Fall des Gelingens der finanziellen Rekonstruktion der Unternehmung die den Kanton Zürich speziell interessirenden nördlichen Zufahrtslinien zur Ausführung gelangen werden.» Beschlussentwurf Regierungsrat Zürich 1876, S. 2.

5In Luzern und Bern wurde gegen eine Auszahlung der vierten Subventionsrate verschiedentlich mit der Begründung opponiert, dass der im Rahmen der Rekonstruktion der Gotthardbahn-Gesellschaft drohende Wegfall der Zufahrtslinie LuzernImmensee den Nutzen der Gotthardbahn für die Kantone Luzern und Bern erheblich schmälere. Trotz dieser Opposition wurde die Zahlung schliesslich von beiden Subvenienten geleistet. Vgl. Geschäftsbericht GB 1876, S. 13; Johannes Winkler an Alfred Escher, 6. Oktober 1876; Johannes Winkler an Alfred Escher, 31. Oktober 1876; Johannes Winkler an Alfred Escher, 2. November 1876; Johann Weber an Alfred Escher, 2. November 1876; Karl Karrer-Burger an Alfred Escher, 6. November 1876; Johannes Winkler an Alfred Escher, 21. November 1876; Telegramm Karl Karrer-Burger an Escher, 23. November 1876 (BAR J I.67-8); Josef Zingg an Alfred Escher, 28. November 1876.

6 Vgl. Staatsvertrag Gotthardbahn 1869.