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Korrespondenz: Alfred Escher – Emil Welti

AES B2871 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#547*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 257

Emil Welti an Alfred Escher, Bern, Donnerstag, 2. November 1876

Schlagwörter: Bundesrat, Gotthardbahnprojekt, Grosser Rat BE, Staatsverträge, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Hochverehrter Herr u Freund

Die Einzahlung der Subsidien macht bedeutende Schwierigkeiten.1 Tessin hat in einem heute eingegangenen Schreiben seine Einzahlung an die Bedingung geknüpft dass alle in dem internationalen Vertrag erwähnten tessinischen Linien u zwar rechtzeitig gebaut werden etc.2 Gestern hat mich Herr Kopp3 angefragt, ob der Bundesrath geneigt sei die Subvention von Luzern als blosses Depositum anzunehmen, was ich begreiflich verneinte.4 Gestern vernahm ich Bern werde die Zahlung erst auf Ermächtigung des grossen Rathes leisten.5 | Von Herrn Scherer6 vernahmen wir in der Sitzung Zürich werde nur deponiren und die Bezahlung an verschiedene Bedingungen knüpfen.7 Aus einer Anfrage die der italienische Geschäftsträger8 gestern an mich richtete muss ich schliessen, dass Italien seine Zahlung verschieben will bis es weiss, wie es mit der Einzahlung der schweiz. Subsidien steht. Ich bemerke es ist das nur eine Vermuthung aber wie ich fürchte eine begründete; bis zur Stunde ist eine Zahlungsankündung nicht da.9

Unter diesen Umständen befindet sich der Bundesrath in der fatalsten Lage, da er offenbar über die deutsche Subvention nicht | verfügen darf bevor die italienische u die schweizerische zu seiner Verfügung steht.10

Ich halte dafür es sei sehr wünschenswerth dass wir uns sprechen u halte mich wo u wann Sie wollen zu Ihrer Verfügung. Neben diesem Puncte habe ich noch andere mit Ihnen zu besprechen.

Mit freundschaftlichem Grusse

Ihr

E Welti

Bern
2 Nov. 1876.

Herr Zingg der heute hier war wird Ihnen weiteres mittheilen.

Kommentareinträge

1Der Termin für die Einzahlung der Subventionsbeiträge für das vierte Baujahr wurde auf den 3. November 1876 festgesetzt. Einige Schweizer Kantone holten vor der Überweisung die Genehmigung der Kantons- bzw. Grossen Räte ein. Dadurch wurde die Zahlung vereinzelt verzögert, aber von allen Subvenienten geleistet. Vgl. Geschäftsbericht GB 1876, S. 12–13; Prot. BR, 20. Oktober 1876; Prot. BR, 2. November 1876; Prot. BR, 13. November 1876; Prot. BR, 12. Februar 1876; NZZ, 7. November 1876, 14. November 1876; Alfred Escher an Emil Welti, 3. Oktober 1876.

2 Neben den bereits eröffneten Talbahnen BiascaBellinzona, BellinzonaLocarno und LuganoChiasso mussten gemäss Staatsvertrag von 1869 bis zur Eröffnung des Gotthardtunnels die Linie von Bellinzona an das linke Ufer des Lago Maggiore nach Pino sowie die Verbindung BellinzonaLugano über den Monte Ceneri erstellt werden. Die zum Zweck der Kostenersparnis diskutierte Beschränkung auf eine Hauptlinie bedeutete den – wenigstens vorläufigen – Verzicht auf eine dieser Tessiner Linien. Vgl. Staatsvertrag Gotthardbahn 1869, Art. 1, 3; Otto Elben an Alfred Escher, 8. März 1876; Emil Welti an Alfred Escher, 7. September 1876. – Der Beitrag Tessins für das vierte Baujahr betrug Fr. 316 140.28. Vgl. Prot. BR, 13. November 1876.

3 Alois Kopp (1827–1891), Regierungsrat und Ständerat (LU).

4Der Luzerner Regierungsrat stellte Ende November dem Grossen Rat den Antrag, die Subventionsrate von Fr. 226 567.20 einzuzahlen, diese und weitere Zahlungen aber unter den Vorbehalt der rechtzeitigen Erstellung der Linie ImmenseeLuzern zu stellen. Vgl. Prot. BR, 13. November 1876; Prot. BR, 12. Februar 1877; NZZ, 7. November 1876, 28. November 1876; Josef Zingg an Alfred Escher, 18. November 1876.

5Der kantonale Anteil der Berner Subventionsrate von insgesamt Fr. 115 918.10 gelangte am 23. November vor den Grossen Rat, worauf die Einzahlung unter Vorbehalt erfolgte. Vgl. Prot. BR, 13. November 1876; Prot. BR, 12. Februar 1877; NZZ, 7. November 1876; Intelligenzblatt für die Stadt Bern, 24. November 1876; Josef Zingg an Alfred Escher, 18. November 1876.

6 Johann Jakob Scherer (1825–1878), Bundesrat (ZH).

7Die Regierung des Kantons Zürich hob besonders die Bedeutung der nördlichen Zufahrtslinien für den Kanton Zürich hervor und äusserte Zweifel am Gelingen der Rekonstruktion der Gotthardbahn-Gesellschaft. Der Regierungsrat brachte die Subventionsrate von Fr. 158 070.15 am 20. November vor den Kantonsrat und knüpfte nach dessen Genehmigung die Einzahlung an Bedingungen. Vgl. Prot. BR, 13. November 1876; Prot. BR, 12. Februar 1877; NZZ, 7. November 1876, 21. November 1876; Alfred Escher an Emil Welti, 17. Februar 1876, Fussnote 10; Josef Zingg an Alfred Escher, 18. November 1876.

8 Ernesto Martuscelli (Lebensdaten nicht ermittelt), Geschäftsträger der italienischen Gesandtschaft in Bern.

9Die Subventionszahlung Italiens erfolgte in den folgenden Tagen. Vgl. Telegramm Emil Welti an Escher, 4. November 1876 (BAR J I.67-8); Telegramm Emil Welti an Escher, 5. November 1876 (1) (BAR J I.67-8); Telegramm Emil Welti an Escher, 5. November 1876 (2) (BAR J I.67-8); Prot. BR, 6. November 1876; Prot. BR, 9. November 1876.

10Obwohl noch Subventionen verschiedener Kantone ausstehend waren, beschloss der Bundesrat am 13. November 1876, die bereits vorbehaltlos einbezahlten Beträge an die Gotthardbahn-Gesellschaft zu überweisen. Vgl. Prot. BR, 13. November 1876.

Kontexte