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Korrespondenz: Alfred Escher – Emil Welti

AES B2852 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#547*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 250

Emil Welti an Alfred Escher, Bern, Donnerstag, 7. September 1876

Schlagwörter: Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Gotthardtunnel, Personelle Angelegenheiten, Wahlen, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

1

BERNE, le 7. Sept. 1876.

Hochgeehrter Herr u Freund

Ich bin gestern Abend um 9 Uhr von unserer Expedition zurückgekehrt und mit dem Verlaufe derselben zufrieden.2 Wir kamen Dienstag Morgen um 2 Uhr und die Italiener ( Depretis3, Bellinzaghi4 u Massa5 ) um 5 Uhr in Göschenen an. Um 7 Uhr wurde der Tunel inspicirt in welchem wir bis zur kleinen Gallerie vorgiengen. Depretis sprach sich (offenbar in Übereinstimmung mit Massa, der sich nachher in gleicher Weise äusserte) sehr zufrieden mit dem Fortgang der Arbeiten aus. Um 12 Uhr trat Depretis die Rückreise an auf welcher wir ihn bis auf die Höhe des Berges begleiteten. Unterwegs hielten wir unsere eigentliche Besprechung an welcher Anderwert u Pioda unserseits theil nahmen. Die positiven Erklärungen von Depretis lassen sich dahin resümiren: es sei in unserer Gesellschaft niemand der mehr davon überzeugt sei als er, dass die Gbahn im wirthschaftlichen und politischen Interesse der beiden Länder erstellt werden müsse und dass zu diesem Zwecke von Seite der Staaten noch weitere Opfer zu bringen seien. Das letztere werde zwar in Italien schwer halten aber | nach seiner Ansicht seien die Schwierigkeiten nicht unüberwindlich. Vor allem sei es wünschenswerth dass die Conferenz6 sehr bald zusammentrete und dass ihr von der Schweiz die einlässlichsten u genauesten technischen u finanziellen Ausweise geleistet werden, aus denen sich mit Sicherheit schliessen lasse, es werde die Bahn auf welche man sich verständigt mit der bestimmten angenommenen Summe gebaut werden können. – Hierüber sprach sich Depretis aus freien Stücken u mit grosser Bestimmtheit aus. Auf unsere Anregung kamen dann noch verschiedene andere Puncte zur Sprache. In Bezug auf die Stellung der Gesellschaft erklärte sich der Minister mit mir über den Punct einverstanden, dass von allen Betheiligten «den Actionären, Obligationären und den subventionirenden Staaten» Opfer gebracht werden müssten. Von Beseitigung der jetzigen Gesellschaft war gar keine Rede, wie denn überhaupt in keiner Weise über dieselbe eine üble Äusserung fiel. Auf die verschiedenen Reconstructionspläne , die ich ihm in allgemeinen Zügen auseinandersetzte liess er sich, wie | diess auch ganz begreiflich ist, nicht ein und ebensowenig auf die Gestaltung des Netzes, das für einmal oder definitiv in Aussicht zu nehmen sei. Folgerungsweise muss ich annehmen, dass die Italiener die Pinolinie eher als die über den Monte Cenere aufgeben würden.7 Was die tessinischen Thalbahnen anbelangt , so sprach sich Depr. mir gegenüber nicht aus, obschon auch dieser Punct von mir lebhaft discutirt wurde. Von Herrn Koller habe ich erfahren, dass vorher sich niemand (auch Massa nicht) ungut darüber geäussert habe. Ebensowenig als hierüber erfolgte eine bestimmte Äusserung über die Frage der Trajecte und der schiefen Ebenen ; so viel scheint mir aber gewiss, dass die Italiener weder das eine noch das andere wollen. Im Allgemeinen habe ich die Überzeugung gewonnen, dass wir an Depretis einen treuen Bundesgenossen besitzen, der alles daran setzen wird, das Unternehmen zu einem guten und woran ihm namentlich gelegen ist auch zu einem raschen Ende zu führen. Das letztere scheint ihm namentlich aus Gründen der allgemeinen Politik wünschenswerth zu sein, über die er sich aber | nicht weiter aussprach. Wie ich von dem uns begleitenden italien. Geschäftsträger ( Martuscelli8 ) erfuhr ist die Auflösung der Kammer beschlossen und der 22. Oct. für die Neuwahlen angesetzt. Das Ministerium scheint auf eine Mehrheit sicher zu rechnen. Für uns ist dieser Ausgang von grösster Bedeutung; denn ich bezweifle, dass irgend ein anderes Ministerium günstiger für uns gestimmt wäre oder genauer gesagt, dass irgend ein anderer Ministerpräsident erhofft werden könnte, der den gleichen günstigen Einfluss auf seine Collegen übt. Depretis ist übrigens auch in seiner Erscheinung u seinem Auftreten der Mann der das grösste Vertrauen erweckt. Sie sehen dass wir Ursache haben mit dem Ergebniss der Zusammenkunft zufrieden zu sein. Diese Zeilen sollen Ihnen über die hauptsächlichen Puncte u die positiven Resultate zur Orientirung dienen; alles Weitere u Einzelne verspare ich auf mündliche Besprechung.

Mit freundschaftl. Grusse

Ihr

E Welti

Kommentareinträge

1Briefkopf von dritter Hand durchgestrichen.

2Welti kündigte Escher am 11. August 1876 einen beabsichtigten Besuch des italienischen Ministerpräsidenten Agostino Depretis auf den Tunnelbaustellen von Airolo und Göschenen an. Von seiten der Schweiz waren Welti selbst, Gottlieb Koller und Fridolin Anderwert zugegen. Vgl. Emil Welti an Alfred Escher, 27. August 1876; Telegramm Escher an Emil Welti, 2. September 1876 (BAR J I.67-8); Telegramm Escher an Emil Welti, 3. September 1876 (BAR J I.67-8); Prot. BR, 14. August 1876; Prot. BR, 4. September 1876; NZZ, 14. September 1876; Emil Welti an Alfred Escher, 11. August 1876.

3 Agostino Depretis (1813–1887), Ministerpräsident des Königreichs Italien.

4 Giulio Belinzaghi (1818–1892), Bürgermeister von Mailand und Mitglied des italienischen Senats, Verwaltungsrat der Gotthardbahn-Gesellschaft.

5 Mattia Massa (Lebensdaten nicht ermittelt), Generaldirektor der Strade Ferrate dell'Alta Italia.

6Gemeint ist die internationale Konferenz zur Rekonstruktion der Gotthardbahn-Gesellschaft; diese konnte allerdings erst im Juni 1877 zusammenkommen. Die Rekonstruktion der Gotthardbahn, Die internationale Konferenz von Juni 1877 in Luzern.

7Für die Verbindung nach Süden und den Anschluss an das italienische Netz stellte sich die Frage, ob dem Bau nach Pino am Lago Maggiore oder dem Bau nach Chiasso mit Einschluss einer Berglinie über den Monte Ceneri der Vorzug zu geben wäre. Vgl. Botschaft BR GB 1878, S. 57–58; Die Rekonstruktion der Gotthardbahn, Absatz 4.

8 Ernesto Martuscelli (Lebensdaten nicht ermittelt), Geschäftsträger der italienischen Gesandtschaft in Bern.