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Korrespondenz: Alfred Escher – Emil Welti

AES B2845 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#186* (Abzug)

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 249

Alfred Escher an Emil Welti, Zürich, Samstag, 2. September 1876

Schlagwörter: Bundesrat, Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Gotthardbahnprojekt, Personelle Angelegenheiten

Briefe

Zürich 2. September 1876.

Hochverehrter Herr & Freund!

Gemäß einer eben an Sie abgegangenen telegraphischen Mittheilung1 übersende ich Ihnen in Beilage einen Brief Maraini's vom 31 August. Zu besserem Verständnisse lege ich meine Zuschrift an M. vom 17. August, auf welche der Brief des letztern antwortet, bei.

Das Schreiben M.'s ist ein neuer Beweis dafür, daß unsere Gesellschaft keinen bessern Repräsentanten in Italien haben könnte als Maraini.

Darf ich Sie bitten, mir die beiden Schriftstücke nach gemachtem Gebrauche baldmöglichst wieder zukommen lassen zu wollen. |

Gestern Abend hat mich Weishaupt besucht & heute früh vor seiner Abreise nach Pontresina, wo er mit Forkenbeck2 & wahrscheinlich auch Bennigsen3 zusammentreffen wird, hatten wir eine zweite lange Unterredung. Seine Haltung mir gegenüber war eine wahrhaft herzliche. Ihrer gedachte er mit der größten Hochachtung & warmer Freundschaft. Er hob gleich beim Beginn unserer geschäftlichen Besprechungen hervor, daß er nicht der Reichs-, sondern der Preußischen Staatsverwaltung angehöre, während die Gotthardangelegenheit zunächst Reichssache sei. Dabei weiß man ja aber, welche Stellung Preußen im deutschen Reiche einnimmt & in welch' eminentem Maaße Weishaupt für technische Fragen Vertrauensperson bei den Lenkern des Reiches ist. W. erklärte | mir nun, in den offiziellen Kreisen Berlin's sei Einmüthigkeit darüber, daß die Gotthardbahn ausgebaut werden müsse, da es für Deutschland eine eigentliche «Blamage» wäre, wenn dieß nicht geschehen würde. Die Discussion drehe sich also nur um die Frage, wie der Ausbau der Gotthardbahn zu erreichen sei. Hierüber seien die Ideen noch wenig abgeklärt; man gewärtige eben die Vorschläge des Schweiz. Bundesrathes & mache sich darauf gefaßt, im Vereine mit den übrigen Betheiligten neue Opfer zu bringen. Das stehe jedoch schon jetzt unbedingt fest, daß man von außerordentlichen Transportsystemen (Agudio, Zahnstange u. s. f.) & von Trajecteinrichtungen4 nichts wissen wolle. Endlich sagte er mir, es walte nicht die Tendenz ob, die Gesellschaft rücksichtslos zu behandeln, im Gegentheile anerkenne man | gegenüber dem Privatcapitale, das sich zur Begründung der Gotthardbahnunternehmung habe bereit finden lassen, eine moralische Verpflichtung. Dieß ist ungefähr die Quintessenz der Mittheilungen W's. Der Inhalt derselben & die Art, in welcher sie erfolgten, sind gleich sehr dazu angethan, uns zu ermuthigen, wie dieß wohl auch nach Ihrem Urtheile von den Nachrichten, die in dem neusten Briefe Maraini's enthalten sind, gesagt werden kann. Ihre nun also bevorstehende Zusammenkunft mit Depretis5 wird, ich zweifle nicht daran, das noch Fehlende hinzufügen, um die Stimmung des Italienischen Ministerium's im Sinne unserer Wünsche zu gestalten.

Auf Ihre gef. Mittheilungen über die so wichtige Angelegenheit des offiziellen Berichtes über die Baukosten der Tessin'schen Thalbahnen bin ich sehr gespannt.

Von Herzen

Ihr

Dr A Escher

Kommentareinträge

1 «Sende Ihnen auf Abend 6 Uhr einen wichtigen & erfreulichen Brief Maraini's.» Telegramm Escher an Emil Welti, 2. September 1876 (BAR J I.67-8).

2 Max von Forckenbeck (1821–1892), Mitglied des preussischen Herrenhauses und Präsident des deutschen Reichstags.

3 Rudolf von Bennigsen (1824–1902), Präsident des preussischen Abgeordnetenhauses und Mitglied des deutschen Reichstags.

4Als Möglichkeit zur Kosteneinsparung erwog man, die Bahnstrecken entlang des Vierwaldstättersees und des Lago Maggiore durch den Einsatz von Fährschiffen zu ersetzen. Diese Möglichkeit wurde von der technischen Expertenkonferenz behandelt und auch bei der Gotthardbahn-Gesellschaft thematisiert. Vgl. Schreiben Möller an Direktion Gotthardbahn, 13. September 1876 (BAR J I.67-6.65); Geschäftsbericht GB 1876, S. 19; Bundesräthliche Gotthardbahn-Expertise 1876, Subkommission, S. 93–99; Bundesräthliche Gotthardbahn-Expertise 1876, Plenarkommission, S. 21; Strupler, Gutachten Trajecteinrichtung; Alfred Escher an Gustav von Mevissen, 1. Juni 1876, Fussnote 2.

5 Agostino Depretis (1813–1887), Ministerpräsident des Königreichs Italien.