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Korrespondenz: Alfred Escher – Adolph von Hansemann

AES B2810 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#249*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 243

Adolph von Hansemann an Alfred Escher, Berlin, Freitag, 9. Juni 1876

Schlagwörter: Bundesrat, Eisenbahnen Finanzierung, Eisenbahngesellschaften Krise/Rekonstruktion, Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Gotthardbahnkonferenzen, Gotthardbahnprojekt

Briefe

Berlin, den 9. Juni 18761

Hochverehrter Herr Präsident!

In Erwiderung Ihrer schätzbaren Mittheilungen vom 1. dss.2 wiederhole ich mein Bedauern, daß ich aus den früher bereits entwickelten Gründen in der vom Verwaltungsrathe erwählten VertrauensCommission3 nicht erscheinen konnte.

Was die Reorganisation des Gotthard-Unternehmens betrifft, so glaube ich, daß jeder Plan scheitern wird, welcher auf eine weitere Heranziehung des Privatcapitals gerichtet ist. Der Cours der Actien stellt nur noch einen Prämienwerth dar, welcher vollständig schwinden wird, sobald eine neue Einzahlung auf die Actien, gleichviel auf welcher Grundlage, ausgeschrieben werden sollte. Eine fernere Einzahlung auf die Actien ist daher nicht zu erwarten und ebenso wenig | ist darauf zu rechnen, daß das für die Financirung des Gotthard-Unternehmens bestehende Syndicat eine Verpflichtung zur weiteren Abnahme von Obligationen anerkennen wird. Seitdem sich herausgestellt hat, daß die von der internationalen Commission veranschlagten Baukosten in keiner Weise zutreffen , wird eben so wohl die Gotthard-Gesellschaft die Herausgabe der bei der Schweizerischen Regierung hinterlegten Caution, wie das Syndicat die Herausgabe der für Abnahme der Obligationen IV. Serie hinterlegten Caution4 erstreiten können. Ob und in welchem Umfange das Gotthard-Unternehmen ausgeführt werden kann, hängt bei der dermaligen Sachlage lediglich von dem Beschlusse der betheiligten Regierungen ab. Vielleicht wäre es überhaupt am besten, daß das Unternehmen nicht unter der Verantwortlichkeit der jetzt | bestehenden Actiengesellschaft fortgeführt wird. Wollen die Regierungen das Unternehmen aufrecht erhalten, so mögen sie berathen, was zu diesem Zwecke zu geschehen hat. Anträge an den Schweizerischen Bundesrath, ohne daß die Grundlage dieser Anträge gesichert erscheint, dürften schwerlich zu einem Resultate führen. Den Interessen der Gesellschaft kann es nicht dienen, sich aufzuzehren, vielmehr muss sie danach trachten, das zu conserviren, was sie noch besitzt. Die schwierige Stellung der Direction und des Verwaltungsraths werden in dem Maße erleichtert, als die Sorge für die weitere Financirung auf die Regierungen übertragen wird, von welchen die ursprüngliche Finanzgrundlage herstammt.

Mit vorzüglicher Hochachtung

A v Hansemann

Kommentareinträge

1Nachträgliche Notiz von Eschers Hand: «empf. 10. " "» .

2Die Anfügung nach der Unterschrift in dem von Escher an Gustav von Mevissen gesandten Brief Alfred Escher an Gustav von Mevissen, 1. Juni 1876vom 1. Juni 1876 zeigt, dass Escher einen Brief mit gleichem Wortlaut auch an Hansemann sandte. Alfred Escher an Gustav von Mevissen, 1. Juni 1876.

3Der Verwaltungsrat der Gotthardbahn-Gesellschaft beschloss in seiner Sitzung vom 3. März 1876, eine siebenköpfige Rekonstruktionskommission einzusetzen. Vgl. Prot. VR GB, 3. März 1876 (S. 99).

4Das Finanzkonsortium war gemäss Vertrag betreffend Beschaffung des Baukapitals für die Gotthardbahn verpflichtet, «für die Uebernahme der Obligationen eine Caution zu bestellen, welche jeweilig 20% des nicht abgenommenen Theiles der Obligationen» betrug.Vertrag Beschaffung Baukapital, § 11. Vgl. Geschäftsbericht GB 1876, S. 16.