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Korrespondenz: Alfred Escher – Emil Welti

AES B2799 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#547*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 240 | Jung, Aufbruch, S. 667 (auszugsweise)

Emil Welti an Alfred Escher, Bern, Mittwoch, 24. Mai 1876

Schlagwörter: Bundesrat, Diplomatische Aktivitäten, Gotthardbahnprojekt

Briefe

Hochgeehrter Herr u Freund

Vor allem theile ich Ihnen die Abschrift einer Depesche mit, die so eben von Hammer1 eingegangen ist. Sie lautet:

«Nach Mittheilungen Bülows2 wird durch Röder Ihnen nächstens folgende Antwort zugehen:3 Deutschland könne aus verschiedenen Gründen technische Conferenz nicht beschicken, volles Vertrauen zu der von der Schweiz angeordneten Prüfung habend. Sollte es der Schweiz genehm sein die Subventions-Staaten zu einer diplomatischen Conferenz einzuladen, hiezu ein Programm aufstellend, so werde Deutschland gerne Folge leisten.» |

Wegen des Beschlusses vom 9. Januar habe ich die Acten nachgesehen; der betreffende Bericht enthält aber nichts, was den vom Bundesrath gemachten Vorbehalt erläutert.4

Die von Ihnen gewünschten Abschriften der Beschlüsse des Bundesrathes und des Eisenbahndepartementes über die angeordneten Untersuchungen, sind in Arbeit und werden Ihnen morgen zugehen.5

Am Schlusse obigen Telegramms verspricht Herr Hammer noch einen schriftlichen Bericht von dessen Inhalt ich Ihnen sofort nach Eingang Kenntniss geben will. Bis heute | hat Herr v. Röder die Antwort aus Berlin jedenfalls noch nicht erhalten. Es ist traurig dass wir zwei Monate haben auf eine Antwort warten müssen, die man uns ebenso gut nach zwei Tagen hätte geben können.6

Mit herzlichem Grusse

Ihr Ergebenster

E Welti

Bern
24. Mai 1876.

Kommentareinträge

1 Bernhard Hammer (1822–1907), Bundesrat (SO), ausserordentlicher Gesandter und bevollmächtigter Minister der Schweiz in Berlin. Alfred Escher an Emil Welti, 7. April 1876, Fussnote 2.

2 Bernhard Ernst von Bülow (1815–1879), Staatssekretär des Auswärtigen Amts des Deutschen Reichs.

3 Roeder übergab die erwähnte Antwort des Deutschen Reichs am 31. Mai 1876. Eine Abschrift des Schreibens Bülows an Roeder teilte Welti Escher hingegen bereits am 27. Mai mit. Vgl. Emil Welti an Alfred Escher, 27. Mai 1876; Alfred Escher an Emil Welti, 31. Mai 1876; Emil Welti an Alfred Escher, 2. Juni 1876; Schreiben Maximilian Heinrich von Roeder an Emil Welti, 30./31. Mai 1876, in: DDS III, S. 222–223.

4Gemeint ist vermutlich ein Beschluss des Bundesrates vom 7. Januar 1876. Demnach sollte die Direktion der Gotthardbahn-Gesellschaft Louis Favre für die seit dem 1. August 1875 erstellte Länge des Richtstollens eine geringere Zahlung als vertraglich fixiert leisten, aus dem zurückbehaltenen Betrag aber weitere Abschlagszahlungen an Favre entrichten, sofern diese Zahlungen zur Erweiterung der Installationen und zur Vermehrung des Inventars notwendig sein sollten. Der Bundesrat behielt sich vor, bei veränderter Sachlage auf den Beschluss zurückzukommen. Vgl. Prot. BR, 7. Januar 1876; Prot. BR, 10. Januar 1876; Die Rekonstruktion der Gotthardbahn, Absatz 23.

5Welti sandte Escher einen Auszug des Bundesratsprotokolls vom 25. März 1876 und erklärte, ein anderes Programm für die Expertise über die Finanzlage der Gotthardbahn-Gesellschaft bestehe nicht. Er informierte ihn zudem, dass die Ingenieur Ernest Dapples übertragene Aufgabe, die in der «Verification der von der Direction über die Tessinerlinien vorgelegten Rechnung und in der Ermittlung der Einheitspreise» bestehe, nur mündlich erteilt worden sei. Emil Welti an Alfred Escher, 27. Mai 1876. Vgl. Prot. BR, 25. März 1876; Emil Welti an Alfred Escher, 26. Juli 1876, Fussnote 1.

6Die Anfrage der Schweiz an Deutschland und Italien betreffend die Beschickung einer Expertenkonferenz erfolgte durch eine Note vom 20. März 1876. Die Rekonstruktion der Gotthardbahn, Absatz 6.