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Korrespondenz: Alfred Escher – Emil Welti

AES B2795 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#186* (Abzug)

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 238

Alfred Escher an Emil Welti, Zürich, Dienstag, 16. Mai 1876

Schlagwörter: Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Gotthardbahnprojekt, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Hochverehrter Herr & Freund!

In sofortiger Erwiederung Ihres heutigen geschätzten Schreibens1 kann ich Ihnen mit Beziehung auf das bevorstehende Rendezvous, das mir als eine äußerst zweckmäßige Maaßregel erscheint, nichts schreiben, das Sie nicht viel besser wüßten als ich.2 Das Bestreben der Schweiz muß selbstverständlich dahin gerichtet sein, die Verantwortlichkeit für die technischen Untersuchungen & Conclusionen nicht allein zu übernehmen. Die andern Staaten, & vorab Deutschland, scheinen dagegen darauf auszugehen, diese Verantwortlichkeit auf die einzigen Schultern der | Schweiz zu laden. Es widerspricht dieß ebensosehr der Natur der Dinge, wie der ganzen Entstehungsgeschichte der Gotthard bahnunternehmung. Es scheint mir auch widersinnig, daß Staaten, welche enorme Summen für die Unterstützung eines öffentlichen Werkes zugesichert haben, hinwieder Anstand nehmen, ihre technischen Kräfte in vollem Umfange & zu rascher Zeit zur Verfügung zu stellen, um dieses Werk zu einem guten Ziele zu führen. Endlich liegt es auf flacher Hand, daß, während eine thunlichst rasche Abklärung der obwaltenden Situation geradezu als ein Gebot der dringendsten Nothwendigkeit erscheint, der von den auswärtigen Subventionsstaaten eingenommene Standpunct die bedenklichsten Ver| zögerungen in seinem Gefolge hat. Aber, wie gesagt, ich bin mir bewußt, mit diesen Bemerkungen lediglich Eulen nach Athen zu tragen. Ich erlaube mir daher nur noch Eines Punctes zu gedenken, der von Tag zu Tag mehr Actualität zu gewinnen scheint. Immer mehr tritt die Frage in den Vordergrund, ob nicht die Einschaltung außerordentlicher Transportsysteme3 an einzelnen Stellen der Strecke FlüelenBiasca als empfehlenswerth erscheine. Wie wünschbar, ja wie unumgänglich nothwendig wäre es nun nicht, daß bei der Untersuchung & Begutachtung gerade dieser Frage die hervorragendsten Techniker der drei Subventionsstaaten mitwirken würden! So etwas zu verweigern, müßte wahrhaf| tig fast den Eindruck von bösem Willen machen.

Und nun glückliche Reise & gute Verrichtung!

Von Herzen

Ihr

Dr A Escher

Zürich
16 Mai 1876.

Kommentareinträge

1 Vgl. Emil Welti an Alfred Escher, 16. Mai 1876.

2Der Gesandte der Schweiz in Berlin, Bernhard Hammer, wünschte eine mündliche Besprechung mit dem Bundesrat über das Vorgehen bei der deutschen Regierung bezüglich der Expertenkonferenz. Eine Anwesenheit Hammers in Bern schien aber zu auffällig und daher nicht geeignet, weshalb Welti mit ihm unterwegs zusammentreffen wollte. Vgl. Emil Welti an Alfred Escher, 16. Mai 1876.

3Über die «Anwendung verschiedener außergewöhnlicher Eisenbahnsysteme» auf einzelnen Abschnitten der Gebirgslinie wurden «manigfaltige Studien» angestellt. Zur Diskussion standen Spezialsysteme von Niklaus Riggenbach, Kaspar Wetli, Tommaso Agudio, John Barraclough Fell und Robert Francis Fairlie. Der Einsatz solcher Systeme zur Überwindung von Steilrampen, beispielsweise mittels Zahnstangen, Seilebenen oder waagerechter Triebräder, hätte den Verzicht auf die «im Baue kostspieligsten, durch künstliche Entwicklungen verlängerten Bergstrecken» ermöglicht.Geschäftsbericht GB 1876, S. 19.