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Korrespondenz: Alfred Escher – Emil Welti

AES B2794 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#547*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 237 | Jung, Aufbruch, S. 665 (auszugsweise)

Emil Welti an Alfred Escher, Bern, Dienstag, 9. Mai 1876

Schlagwörter: Bundesrat, Deutscher Reichstag, Diplomatische Aktivitäten, Gotthardbahn-Gesellschaft (GB)

Briefe

BERNE, le 9. Mai 1876.

Hochgeehrter Herr u Freund

Indem ich Ihnen den Brief des Herrn Fierz und Ihre Antwort mit bestem Dank wieder zurücksende, fahre ich in meiner Berichterstattung fort.

Gestern ist der schriftl. Bericht Hammers1 über seine Unterredung mit Bismark2 angelangt.3 Derselbe äusserte sich im wesentlichen dahin: Deutschland habe noch wie früher ein politisches u commercielles Interesse an einer Eisenbahnverbindung mit Italien. Aber dieses Interesse komme in heutiger politisch ruhiger Zeit entschieden weniger zur Geltung als früher. Vermehrte Geldbedürfnisse für ein weniger fühlbares Interesse hätten überdiess bei der gedrückten wirthschaftl. Lage von Deutschland doppelte Schwierigkeit namentlich im Reichstage. Darauf wiederholte B. alle die Argumente die schon Delbrük4 gegen die Beschikung der Conferenz geltend gemacht hatte5, sprach vom Fallenlassen der unnützen u kostbieligen Anschlusslinien u erklärte | dass er in die angeordnete Untersuchung der schweizerischen Ingenieure alles Vertrauen setze und die «sachlichen Vorschläge der Schweiz als dem nächst und meist interessirten Staat gewärtige». Übrigens sei er seit dem Weggang Delbrücks ohne technischen und finanziellen Beirath.6 Er schloss seine Erörterungen mit den Worten: «Wir sitzen, wie zwei vorsichtige Kaufleute einander gegenüber; keiner will dem andern das erste Angebot machen».

Beiläufig machte er noch folgende Bemerkungen:

1. Delbrück sei dem Gotth. Unternehmen durchaus nicht abgeneigt.

2. Deutschland beabsichtige keineswegs die in den Zeitungen angeregte Lösung der Gotthardfrage zu erstreben und namentlich nicht Miteigenthümer der Bahn zu werden.

In ganzen war die Unterhaltung wie Hammer schreibt in einem sehr freundschaftlichen Tone gehalten.

In Bezug auf die beiden Fragen welche ich an Hammer gerichtet hatte, ob die Schweiz in einer zweiten Note (wie sie von ihm vorgeschlagen wurde) | sich auf den Wunsch Deutschlands berufen könne unsere Anordnungen für die interne Expertise zu kennen, ferner ob zu erwarten sei dass dann in Folge der zweiten Note Deutschland u Italien die Conferenz beschicken werden, antwortete er für die erste verneinend u für die zweite mit Nichtwissen.

Nichtsdestoweniger räth er uns in seiner letzten Zuschrift7 aufs Neue die zweite Note an u giebt uns als Inhalt derselben an; Übersendung unseres Expertenprogrammes u Verschiebung der Conferenz auf Ende Mai.

Ich muss gestehen diess nicht zu begreifen. Morgen wird sich nun der Bundesrath mit der Sache befassen. Ich schlage demselben vor auf den Vorschlag Hammers nicht einzugehen, sondern ihn einzuladen unsere Conferenzeinladung noch einmal zu befürworten und auf den wahrscheinlichen Fall der Ablehnung allem aufzubieten, dass im Sinne der Erklärung von Bismark, die Ablehnung damit | motivirt wird, dass man erklärt man halte die Expertenconferenz für überflüssig u zeitraubend und ziehe Verhandlungen über die Sache selbst vor. Wenn der Bundesrath diese Anschauung theilt8, so werde ich Ihnen telegraphiren: bestätige den gestrigen Bericht.

Zum Schlusse, (womit ich den Anfang hätte machen sollen) meinen herzlichen Dank für die Freundlichkeit, die Sie meinem Sohn9 zu Theil werden lassen.

Von Herzen

Ihr

E Welti

Kommentareinträge

1 Bernhard Hammer (1822–1907), Bundesrat (SO), ausserordentlicher Gesandter und bevollmächtigter Minister der Schweiz in Berlin. Alfred Escher an Emil Welti, 7. April 1876, Fussnote 2

2 Otto von Bismarck (1815–1898), Ministerpräsident und Aussenminister des Königreichs Preussen, Kanzler des Deutschen Reichs.

3Den Inhalt eines ersten telegraphischen Berichts Hammers teilte Welti Escher in zwei Briefen vom 4. Mai 1876 mit. Vgl. Emil Welti an Alfred Escher, 4. Mai 1876; Emil Welti an Alfred Escher, 4. Mai 1876; Alfred Escher an Emil Welti, 8. Mai 1876.

4 Rudolph von Delbrück (1817–1903), Staatsminister ohne Geschäftsbereich des Königreichs Preussen und Präsident des Reichskanzleramts des Deutschen Reichs.

5 Vgl. Emil Welti an Alfred Escher, 29. April 1876.

6 Delbrück reichte am 14. April 1876 seinen Rücktritt vom Amt des Reichskanzleramtspräsidenten ein. Er war von diesem Zeitpunkt an faktisch beurlaubt und erhielt seine Entlassung Anfang Juni.Vgl. Prot. Preussisches Staatsministerium VI/2, S. 762; Meyers Konversations-Lexikon IV, S. 607–608.

7Schreiben nicht ermittelt.

8Der Bundesrat genehmigte den von Welti vorgelegten Entwurf des Schreibens an Hammer. Vgl. Prot. BR, 10. Mai 1876.

9 Friedrich Emil Welti (1857–1940), angehender Jurist und Historiker, Sohn von Carolina und Emil Welti.