Navigation

Korrespondenz: Alfred Escher – Emil Welti

AES B2792 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#186* (Abzug)

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 236 | DDS III, S. 206

Alfred Escher an Emil Welti, Zürich, Montag, 8. Mai 1876

Schlagwörter: Diplomatische Aktivitäten, Gotthardbahnprojekt

Briefe

Zürich 8 Mai 1876.

Hochverehrter Herr & Freund!

Empfangen Sie meinen besten Dank für Ihre gef. Mittheilungen vom 4. dss. Mon.1, die mir in Folge eines Zufalles erst am 6. zukamen. Dieselben waren nicht sehr erfreulicher Natur. Indessen werden doch noch die weitern Aufschlüsse & Berichte Hammer's2 abzuwarten sein. Maraini glaubt, ohne die Einwirkung im entgegengesetzten Sinne von Berlin aus, hätte die Italienische Regierung Sachverständige an eine technische Vorconferenz abzuordnen beschlossen.3

In Beilage beehre ich mich, Ihnen einen neusten Brief von Fierz aus Rom sammt einer Copie meiner Antwort | zu übermitteln. Ich bitte um gef. gelegentliche Rücksendung dieser Schriftstücke.

Hr. Director Stoll4, der am Freitag von Paris zurückgekehrt ist, sagt mir, man verfolge in Paris mit einem eigentlich auffallenden Interesse die Entwicklung der Gotthardbahnangelegenheit.5 Nicht bloß sei dieß in den Regierungskreisen der Fall, wie ihm Hr. Kern6 mitgetheilt, sondern er habe die gleiche Erscheinung auch in den Regionen der haute finance, in welcher er sich bewegte, wahrgenommen. Der Wunsch, daß das Unternehmen in Trümmer gehen möchte, sei ein allgemeiner. Hoffentlich wird dieser edle Wunsch nicht in Erfüllung gehen! Man sollte übrigens glauben, daß eine derartige Stimmung in Frankreich, welche der deutschen Regierung nicht verborgen geblieben sein wird, die letztere zu einer etwas entgegenkommenderen Haltung veranlassen würde.

Von Herzen

Ihr

Dr A Escher

Kommentareinträge

Nachträgliche Notiz oben in der Mitte auf Seite 1 von Eschers Hand mit Bleistift: «Herr Bundespräsidenten Welti, Bern» .

1 Vgl. Emil Welti an Alfred Escher, 4. Mai 1876; Emil Welti an Alfred Escher, 4. Mai 1876.

2 Bernhard Hammer (1822–1907), Bundesrat (SO), ausserordentlicher Gesandter und bevollmächtigter Minister der Schweiz in Berlin. Alfred Escher an Emil Welti, 7. April 1876, Fussnote 2.

3 Italien und Deutschland lehnten die Teilnahme an einer internationalen technischen Expertenkonferenz ab und erklärten sich lediglich zur Beschickung einer diplomatischen Konferenz bereit. Die Rekonstruktion der Gotthardbahn, Absatz 6.

4 Georg Stoll (1818–1904), Verwaltungsrat der Gotthardbahn-Gesellschaft, Vizepräsident des Verwaltungsrats der Schweizerischen Nordostbahn, Direktionsmitglied der Schweizerischen Kreditanstalt.

5Auch der französische Geschäftsträger in Bern, vermutlich Léon-Edouard Amelot (de Chaillou), teilte Welti mit, dass sich die französische Regierung sehr mit der Gotthardunternehmung beschäftige, und hob hervor, dass Deutschland an der Erstellung dieser «Route strategique [...] grosses Interesse nehme» . Emil Welti an Alfred Escher, 29. April 1876.

6 Johann Konrad Kern (1808–1888), Thurgauer Politiker, ausserordentlicher Gesandter und bevollmächtigter Minister der Schweiz in Paris.