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Korrespondenz: Alfred Escher – Maximilian Heinrich von Roeder

AES B2776 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#412*

Maximilian Heinrich von Roeder an Alfred Escher, Baden (AG), Sonntag, 23. April 1876

Schlagwörter: Gotthardbahnprojekt, Lagebeurteilungen (diverse), Presse (allgemein)

Briefe

KAISERLICH
DEUTSCHE GESANDTSCHAFT

Baden den 23. 4. 76.

Die Artikel sind wahr, klar, logisch und schneidig, und man musz wenig Geschick besessen haben, um dieselben nicht in Berlin annehmbar gemacht zu haben.

Dies, verehrter Gönner und Freund, ist mein unvorgreifliches Privat Urtheil.

Der Allarmschusz von W. – die Besorgnisz der Negirung der Konferenz Einladung von D. und Consorten, haben den alten General in die Arena gerufen. Er schüttelte die Mähnen, trocknete das Badewasser, | um trockenen Gegnern gegenüber auch trocken zu sein, und spitzte seine Lanze vulgo Stahlfeder zum Turnier. Wenn er dennoch unterliegen sollte, so liegt es nicht an ihm, sondern an dem momentanen Orakel Nymbus, der einen aufgeblasenen, einseitigen pedantischen Büreaukraten umgiebt, der nie vergessen kann damals, als sein Erlass statt in das Bundesrathaus in die Tasche des Adressaten ging, vom Reichs Kanzler, wenn auch in mindester Form, desavouirt worden zu sein. – Nun wie dem auch sei, | ich habe immer guten Muth, sehe weniger schwarz als Freund W. und wühle in diesem Sinne unverdrossen weiter.

Ob ich eine Erwiederung erhalte, bleibt dahingestellt. Das Wesentliche war, einer offiziellen Kundgebung von Berlin vorzubeugen, und ist mir in dieser Beziehung der Aufenthalt von H. und das diplomatische «Geschwätzli» mit D. unbequem. Die einspurigen diplomatischen Wege sind sicherer als die zweispurigen, das habe ich zur Genüge erfahren. Leider ist B wieder unwohl, aber dagegen für hier | und mich ungemein günstig disponirt. Er hat mir seine Freude aussprechen laszen, dasz sein Sohn hier und mir angenehm sei, und zugleich mich ersucht denselben momentan noch bei Ihm beurlauben zu wollen, bis er wieder besser sei. Es ist schwer mehr egards für den alten General zu haben, und das freut mich für die Schweiz, die er durch mein Glas sieht und beurtheilt. Statt der gehofften Ruhe fand ich eine Fluth von Briefen, und schiffrirte Gestern 172 Gruppen über le Sieur Gotth. Meinen Sohn werden Sie gütigst entschuldigt haben, da er Heute bei uns ist – er dankt noch verbindlichst. Meiner Frau ist strenge Ruhe anempfohlen, aber ich komme einmal, u gönne mir an der Seite der liebenswürdigen Frl Lydie einige gemüthliche Stunden im schönen Belvoir.

Dem negativen Oberst, meinen positiven Grusz von Ihrem alten treu ergebenen Freund

Roeder