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Korrespondenz: Alfred Escher – Maximilian Heinrich von Roeder

AES B2738 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#412*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 214 | DDS III, S. 200

Maximilian Heinrich von Roeder an Alfred Escher, Bern, Sonntag, 19. März 1876

Schlagwörter: Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Gotthardbahnprojekt, Gotthardtunnel, Tunnelbau, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Dem
Herrn Präsidenten
Herrn Dctr. Alfred Escher
Hier 1

Bern den 19ten März 1876.

Sehr, mein verehrter Freund, habe ich bedau ert Sie vor meiner Abreise nicht mehr gesehen zu haben, umsomehr als ich muthmaszlich erst Sonnabend zurückkehre.

Wenn ich Ihnen neulich nicht vom Gotthard und seiner miszlichen Lage gesprochen habe, so geschah dies aus schuldiger Rücksicht, um mich nicht unberufen in dem gegenwärtigen Stadium in diese heikele Frage zu mischen.

Inzwischen bin ich nunmehr vom Fürsten Bismarck2 zur Darlegung meiner Ansicht aufgefordert worden, welche unvorgreiflicher Weise dahin geht, dasz die Beibehaltung des | Herrn Favre , und das unausgesetzte Fort schreiten des Tunnels, als ein sehr wesentlicher Punkt betrachtet werden musz.3

Für die subventionirenden Staaten welche Zwei Drittel der Subsidien dem Tunnel zu gewandt haben4 , ist dies der Brennpunkt, und nach Aussage und Urtheil vieler Kenner hat Herr Favre die ihm gewordene schwere Aufgabe bisher innerhalb der vorgeschriebe nen Frist angemessen gelöst. Das daher die sem zugewandte Vertrauen scheint, bei den jüngsten Erfahrungen, die man mit dem Regiebau5 gemacht hat, wohl vollkommen ge rechtfertigt, und ich würde nicht allein im Interesse des groszartigen Unternehmens, sondern | auch in dem Ihrigen, als vorurtheilsfreier Freund aufrichtig beklagen, wenn in der Gotthard Direction eine entgegengesetzte Ansicht zur Geltung kommen sollte, deren unmaszgebliche Folgen unberechenbar sein dürften.

In alter freundschaftlicher Verehrung

Ihr

treu ergebener Freund

Roeder

Kommentareinträge

1Adresse unten links auf Seite 1.

2 Otto von Bismarck (1815–1898), Ministerpräsident und Aussenminister des Königreichs Preussen, Kanzler des Deutschen Reichs.

3 Favre drohte in einem Schreiben an die Gotthardbahn-Gesellschaft vom 9. März 1876 mit der Einstellung der Bautätigkeit am grossen Gotthardtunnel, falls die von ihm gestellten Forderungen nicht erfüllt würden. In der Klageschrift an das Bundesgericht vom 1. April 1876 warnte er ausserdem davor, dass er den Vertrag von 1872 kündigen werde, falls die Gesellschaft seine Rechtsbegehren ablehne. Vgl. Prot. BR, 18. März 1876; Demande pour Louis Favre, entrepreneur du Grand Tunnel du Gothard à Altorf contre la Compagnie du Chemin de fer du St. Gothard dont le siège est à Lucerne [eingereicht 1. April 1876] (SBB Historic VGB_GB_SBBGB03_003 ); Die Rekonstruktion der Gotthardbahn, Absatz 24.

4Von der gesamten Subventionssumme im Umfang von 85 Mio. Franken waren zwei Drittel, also 56,7 Mio. Franken, für den Bau des Gotthardtunnels bestimmt. Vgl. Staatsvertrag Gotthardbahn 1869, Art. 17; Geschäftsbericht GB 1872, S. 5.

5Der zwischen der Gotthardbahn-Gesellschaft und Favre im Jahr 1872 abgeschlossene Vertrag fixierte feste Vergütungen für die von Favre auszuführenden Bauarbeiten. Damit unterschied er sich grundsätzlich vom Regiebau, der eine aufwandabhängige Vergütung der geleisteten Tätigkeiten vornimmt. Vgl. Vertrag Gotthardtunnel, Annex I, § 1.