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Korrespondenz: Alfred Escher – Adolph von Hansemann

AES B2723 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#186* (Abzug)

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 206

Alfred Escher an Adolph von Hansemann, Zürich, Donnerstag, 24. Februar 1876

Schlagwörter: Bundesrat, Deutscher Bundesrat, Eisenbahnen Finanzierung, Eisenbahngesellschaften Krise/Rekonstruktion, Gotthardbahn-Gesellschaft (GB)

Briefe

Zürich, den 24. Februar 1876.

Hochverehrter Herr Geheimrath!

Sie haben in den beiden Schreiben vom 15.1 und vom 21. dieses Monats, mit denen Sie mich beehrt, die Ansicht ausgesprochen, daß ich so bald als möglich nach Berlin reisen sollte, um mit dem Reichskanzler2 persönlich über die Finanzlage der Gotthardbahngesellschaft zu verhandeln und von ihm zu vernehmen, welche Stellung das Deutsche Reich der obwaltenden Krise gegenüber einzunehmen gedenke.

Nach meiner Ansicht haben wir im Interesse unserer Gesellschaft vor Allem darauf hinzuwirken, daß die Staaten, welche durch Aufstellung eines irrthümlichen Kostenvoranschlages die gegenwärtige Situation veranlaßt haben, sich dazu herbeilassen, anzuerkennen, daß es zunächst an ihnen sei, über die Mittel und Wege zu rathschlagen, wie der begangene Irrthum thunlichst unschädlich gemacht werden könne. Der Antrag der Direktion zu einem Schreiben an den Bundesrath hat vorherrschend den Zweck, diese Anschauungsweise zur Geltung zu bringen. In konsequenter Festhaltung derselben hat nun aber nicht unsere Gesellschaft, sondern in erster Linie die | Schweiz als Staat mit den übrigen betheiligten Ländern über die Mittel zur Abhülfe in Verhandlung zu treten. Ich freue mich hinzufügen zu können, daß der Schweiz. Bundesrath meines Wissens bereit ist, diesen Weg einzuschlagen und ich darf dabei nicht unerwähnt lassen, daß Herr Bundespräsident Welti mit Rücksicht hierauf davon abgerathen hat, daß ich mich im gegenwärtigen Zeitpunkte nach Berlin begebe, um mit dem Herrn Reichskanzler zu konferiren.3

Ich zweifle keinen Augenblick daran, daß Sie nach diesen Aufschlüssen es mir billigen werden, wenn ich vor der Hand unterlasse, nach Berlin zu reisen.

Ich hoffe übrigens hierüber nächste Woche bei Anlaß der Sitzung des Verwaltungsrathes4 weitere mündliche Rücksprache mit Ihnen nehmen zu können, und es erübrigt mir nur noch, Sie recht eindringlich zu ersuchen, in dieser Sitzung nicht fehlen und auch Ihre deutschen Herren Kollegen veranlassen zu wollen, entweder selbst in der Sitzung zu erscheinen oder doch andern Mitgliedern Vollmacht zu ihrer Vertretung zu ertheilen. Ich werde in diesem Sinne auch an Herrn Geheimrath Mevissen schreiben.

Sollten Sie vor der Sitzung des Verwaltungsrathes, etwa am 2. März Vormittags, eine Besprechung mit mir zu halten wünschen, so bin ich selbstverständlich ganz bereit, schon auf diesen Zeitpunkt nach Bern zu kommen.

Genehmigen Sie, Hochverehrter Herr Geheimrath! die Versicherung meiner vorzüglichen Hochachtung. 5

Kommentareinträge

Nachträgliche Adresse unten links auf Seite 2 von Eschers Hand mit Bleistift: «H. Geheimrath von Hansemann | Hotel Athenée | Paris» .

1 Vgl. Adolph von Hansemann an Alfred Escher, 15. Februar 1876.

2 Otto von Bismarck (1815–1898), Ministerpräsident und Aussenminister des Königreichs Preussen, Kanzler des Deutschen Reichs.

3Escher und Welti hatten in dieser Angelegenheit sowohl mündlich als auch schriftlich Rücksprache gehalten und festgestellt, dass eine Reise nach Berlin verfrüht wäre, solange der Bundesrat und die Gotthardbahn-Gesellschaft keine gemeinsame Position in der Vorgehensweise zur Lösung der Finanzkrise der Gotthardbahn-Gesellschaft formuliert hätten. Vgl. Emil Welti an Alfred Escher, 19. Februar 1876;Alfred Escher an Emil Welti, 17. Februar 1876.

4 Vgl. Prot. VR GB, 3. März 1876.

5Brieftext von dritter Hand ohne Unterschrift. – Nachträgliche Notiz von Eschers Hand mit Bleistift: «Dr. A. Escher» .