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Korrespondenz: Alfred Escher – Emil Welti

AES B2716 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#186* (Abzug)

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 204

Alfred Escher an Emil Welti, Zürich, Donnerstag, 17. Februar 1876

Schlagwörter: Bundesrat, Deutscher Bundesrat, Eisenbahnen Finanzierung, Eisenbahngesellschaften Krise/Rekonstruktion, Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Liberale Presse, Presse (allgemein)

Briefe

Hochverehrter Herr & Freund!

Wie Sie wissen, habe ich schon am letzten Samstag den Entwurf zu der «Zuschrift an den Bundesrath betr. die Finanzlage der Gotthardbahn» in confidentiellster Weise den Herren Hansemann & Mevissen übersandt. Die Antwortschreiben der beiden Herren, die Sie interessiren dürften, lege ich diesen Zeilen mit der Bitte um gef. beförderliche Rücksendung bei.1

Sie sehen aus dem Briefe Hansemann's, daß er eine Reise von mir nach Berlin, «um dem Reichskanzler2 & Delbrück3 eine persönliche Darstellung der Sachlage zu geben», als eine dringende Nothwendigkeit bezeichnet. Es versteht sich von selbst, daß ich zu einer solchen Reise bereit bin, wenn sie gemäß der Stellung, welche ich in der Gotthardangelegenheit einnehme, angezeigt ist. Daß dieß aber in dem | gegenwärtigen Augenblicke durchaus noch nicht der Fall ist, haben wir bei der Unterredung, die ich am Dienstag Nachmittag mit Ihnen zu pflegen das Vergnügen hatte, übereinstimmend gefunden. Offenbar hat der Schweiz. Bundesrath hier zunächst zu handeln, wie ja denn auch eine erste Bethätigung dieser Anschauungsweise in der von Ihrer Seite erfolgten confidentiellen Mittheilung des «Entwurfes zu den Zuschriften an den Bundesrath» (sammt Beilagen) an die Vertreter des Deutschen Reiches & Italien liegt. Ich werde mich in meiner Antwort an Hansemann an dieses zwischen uns vereinbarte Programm halten, wenn Sie, wie ich nicht daran zweifeln kann, damit einverstanden sind. Für eine thunlichst beförderliche Rückäußerung werde ich Ihnen sehr dankbar sein.4

Es sind alle Veranstaltungen getroffen, daß in Vollziehung unserer Verabredung die mehrerwähnte «Zuschrift» künftigen Sontag Nachmittag an die in- & ausländische Presse versandt wird. Ich habe auch die von Ihnen gewünschte | Notiz in die N.Z.Z. aufnehmen lassen.5

Gestern Abend hatte ich mit Bruggmann6 & Cahen d'Anvers7 zu verhandeln. Sie verlangen, wie Ihnen wahrscheinlich bereits bekannt ist, daß die Gotthardbahn statt 4 Millionen, wie der mit Favre abgeschlossene Vertrag besagt, 6 Millionen Franken für die Installationen vorschieße.8 Von anderem gar nicht zu reden, wird die Gotthardbahn zu ihren Millionen schon Sorge tragen müssen, wenn sie, bis die Reorganisation der Unternehmung erfolgt sein wird, nicht auf's Trockene gerathen soll.

Es wäre mir erwünscht, eine Abschrift des Schreibens der Regierung von Zürich an den Bundesrath betr. die Gotthardbahn zu erhalten.9 Die Sache hat übrigens durchaus keine Eile &, wenn Sie wünschen, daß ich die Mittheilung als eine confidentielle behandle, so werde ich es unverbrüchlich thun.

Mit herzlichem Gruße

Ihr

Dr A Escher

Zürich
17 Februar 1876.

Kommentareinträge

Nachträgliche Notiz oben links auf Seite 1 von Eschers Hand mit Bleistift: «H. Bundespräsidenten Welti, Bern» .

1Gemeint sind Briefe vom 14. bzw. 15. Februar. Vgl. Adolph von Hansemann an Alfred Escher, 15. Februar 1876; Gustav von Mevissen an Alfred Escher, 14. Februar 1876; Adolph von Hansemann an Alfred Escher, 21. Februar 1876.

2 Otto von Bismarck (1815–1898), Ministerpräsident und Aussenminister des Königreichs Preussen, Kanzler des Deutschen Reichs.

3 Rudolph von Delbrück (1817–1903), Staatsminister ohne Geschäftsbereich des Königreichs Preussen und Präsident des Reichskanzleramts des Deutschen Reichs.

4Welti erklärte sich mit Eschers «Ansicht ganz einverstanden» . Eine Unterhandlung mit dem Ausland wäre verfrüht, so lange nicht in der Schweiz Einverständnis über die Mittel und Wege erzielt sei. Telegramm Emil Welti an Escher, 19. Februar 1876 (BAR J I.67-8). Vgl. Emil Welti an Alfred Escher, 19. Februar 1876.

5Die NZZ vermeldete am 17. Februar 1876 «aus zuverläßigster Quelle, daß die Kundgebung der Direktion der Gotthardbahn über die finanzielle Lage dieses Unternehmens im Anfange der künftigen Woche veröffentlicht werden wird» . NZZ, 17. Februar 1876.

6Vermutlich Ernest Brugman (Lebensdaten nicht ermittelt), Bankier in Brüssel, einer der Kommanditäre Louis Favre.

7Vermutlich Louis Cahen (d'Anvers) (1837–1922), französischer Bankier, einer der Kommanditäre Favres.

8Eine am 6. Juni 1874 abgeschlossene Übereinkunft zwischen der Gotthardbahn-Gesellschaft und Favre übertrug Favre die Beschaffung aller für den Tunnelbau erforderlichen Maschinen, Geräte und Einrichtungen aller Art (Installationen) gegen Entrichtung einer Pauschalsumme von 4 Mio. Franken. Der Nachtragsvertrag zu dem Vertrag betreffend die Ausführung des großen Gotthardtunnels vom 7. August 1872, der am 21./25. September 1875 geschlossen wurde, hielt an dieser Bestimmung fest. Vgl. Geschäftsbericht GB 1874, S. 39–40; Nachtragsvertrag Gotthardtunnel, Art.XIV; Die Rekonstruktion der Gotthardbahn, Absatz 23.

9Welti kam diesem Wunsch einige Tage später nach. Die Zürcher Regierung verlangte in ihrem Schreiben Auskunft über die finanzielle Lage der Gotthardbahn-Gesellschaft und über einen eventuellen Verzicht auf den Bau nördlicher Zufahrtslinien. Gegebenenfalls wollte sie ihre weitere Subventionszahlung überdenken. Vgl. Emil Welti an Alfred Escher, 22. Februar 1876; Schreiben RR Kt. ZH an BR, 22. Januar 1876 (BAR J I.67-8).