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Korrespondenz: Alfred Escher – Emil Welti

AES B2707 | CH-BAR#J1.2#1000/1310#35*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 201

Alfred Escher an Emil Welti, Zürich, Dienstag, 25. Januar 1876

Schlagwörter: Demissionen, Eisenbahnen Finanzierung, Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Gotthardbahnprojekt, Staatsverträge

Briefe

Zürich 25 Januar 1876.

Hochverehrter Herr & Freund!

Hoffentlich werden Sie immer mehr von den Schmerzen erlöst, welche der Eisunfall Ihnen bereitet hat. Ein Trost für diese Schmerzen liegt in dem Gedanken, daß der Unfall leicht noch viel schlimmere Folgen hätte haben können.1

Hr. Feer-Herzog, mit dem ich mich in der Angelegenheit Menabrea2 in Verbindung gesetzt, & ich theilen vollkommen Ihre Ansicht, daß der Verwaltungsrath der GotthardbahnHrn. Menabrea ersuchen soll, auf seinem Entlassungsbegehren nicht beharren zu wollen.3 Ich möchte Sie also bitten, Hrn. Melegari4 von der Absicht des Präsidium's des Verwaltungsrathes & der Direction, in der angegebenen Weise zu | verfahren, Kenntniß geben zu wollen. Ich nehme an, die Italienische Regierung werde sich in Folge einer solchen Mittheilung beruhigen.

Bis zu diesem Augenblicke habe ich die bewußten Vorlagen des technischen Centralbureau's nicht erhalten. Vorläufig habe ich vernommen, der Kostenvoranschlag auf Grundlage des innerhalb der Schranken des internationalen Vertrages entworfenen Projectes werde sich (Zinsen & die Beschaffungskosten für das noch erforderliche Capital, zu 10% gerechnet, (?) inbegriffen) auf – 300 Millionen Franken belaufen!!5 Ich brauche wohl nicht zu sagen, daß diese Mittheilung einstweilen ganz unter uns bleiben soll.

Ich hoffe gegen Ende dieser Woche nach Bern kommen & mich wieder einmal mündlich mit Ihnen besprechen zu können, wornach ich mich recht eigentlich sehne.

Mit den besten Wünschen für Ihre Gesundheit

Herzlich

Ihr

Dr A Escher

Kommentareinträge

1Am 16. Januar 1876 notierte Joachim Heer in sein Tagebuch, Welti sei «durch einen Fall beim Schlittschuhlaufen etwas beschädigt» . Heer, Aufzeichnungen 1876, S. 4.

2 Luigi Federico Menabrea (1809–1896), Mitglied des italienischen Senats, Verwaltungsrat der Gotthardbahn-Gesellschaft.

3Mit Schreiben vom 11. Januar 1876 hatte Giovanni Battista Pioda dem Bundesrat über den Rücktritt Menabreas als Verwaltungsrat der Gotthardbahn-Gesellschaft berichtet. Der Verwaltungsrat versuchte Menabrea umzustimmen, doch dieser beharrte auf seinem Rücktritt. Vgl. Prot. BR, 9. Februar 1876; Prot. VR GB, 3. März 1876 (S. 99–100), 17. Juni 1876 (S. 103–104).

4 Luigi Amedeo Melegari (1805–1881), ausserordentlicher Gesandter und bevollmächtigter Minister des Königreichs Italien in Bern.

5Bereits Anfang Dezember 1875 informierte Josef Zingg Escher über ein zu befürchtendes Defizit von 100 Mio. Franken im Vergleich zu den 1869 budgetierten Baukosten von 187 Mio. Franken. Josef Zingg an Alfred Escher, 1. Dezember 1875.