Navigation

Korrespondenz: Alfred Escher – Josef Zingg

AES B2699 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#569*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 200

Josef Zingg an Alfred Escher, Luzern, Mittwoch, 1. Dezember 1875

Schlagwörter: Eisenbahnen Finanzierung, Eisenbahnen Gutachten und Expertisen, Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Gotthardbahnprojekt, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Luzern d. 1t Dec. 1875.

Hochverehrter Herr Präsident!

Im Anschluße sende ich Ihnen die besprochene Zinsenberechnung1 für die Gotthardbahn. Das Ergebniß derselben ist leider nicht so günstig, wie ich Sie habe hoffen laßen, indem sich bei nochmaliger Durchsicht eine Irrung v. 10 M. in der Schlußaddition herausstellte. Gleichzeitig lege ich noch eine vom Hrn. Buchhalter2 entworfene Rechnung3 bei, die noch etwas höher kommt, als meine Rechnung. –

Je mehr man sich mit diesen Kostenberechnungen für die GB. beschäftigt, umso erschrekender tritt das Resultat derselben dem Auge entgegen. – Wenn die jüngste Aufstellung der Baukosten unsrer tech. Bauleitung 4 annähernd richtig ist, so stehen wir mit Zuschlag der Zinsen & Cursverlurste vor einem Deficit v. ca 100 Millionen! Und selbst | wenn man die Monte-Cenere-Linie & die nördlichen Anschlußlinien nach Zug & Luzern weglaßen würde, noch vor einem Deficite von gut 70 Millionen, oder noch mehr, da sehr fraglich ist, ob man beim Verlaßen der letztern Linien mehr als 10 à 12 Millionen ersparen würde. Ich rechne nämlich auf Grundlage der vorliegenden Aufstellungen:

Für Luzern (ab Bahnhof Halde)– Immensee 13 K. 5.185.960.
" ZugArth 12.72.... . 12.72 5.033.234.
10.219.194
Bahnhof Luzern für die Bedürfniße der Gotthardbahn allein 3 à 5 Mill. 4.000.000
14.219.194.

Bei Nichtausführung dieser Linien müßte ein Theil v. Anlagen auf das übrige Netz fallen & jedenfalls ein Verlurst v. einigen Millionen Subventionen in Aussicht genommen werden. |

Ich komme daher immer wieder darauf zurük, daß Alles versucht werden sollte, die Kostensumme für den Bau noch erheblich herunterzubringen.5 Nach den neuesten Aufstellungen gehen außer der Axenlinie6 noch am meisten über den Voranschlag hinaus:7

ErstfeldGöschenen mit ca fs. 10,000,000.–
GöschenenAirolo mit " " 6,000,000
über den Ansatz der internat. Commission8 oder fs. 15,000,000
über die Vertragssumme.9 Airolo Biasca mit " 28,000,000
über den Ansatz der internat. Commission, bez. 24,000,000.
über den Voranschlag v. Bekh & Gerwig . 10

Diese zwei letztern Positionen sind mir in ganz besonderm Maße aufgefallen & scheinen mir denn doch noch sehr der Modifikation fähig zu sein. –

In ausgezeichneter Hochachtung

Ihr freundschaftl. ergebener

J. Zingg.

Kommentareinträge

1Beilage nicht ermittelt.

2 Albert Furrer (geb. 1842), Hauptbuchhalter der Gotthardbahn-Gesellschaft.

3Beilage nicht ermittelt.

4 Konrad Wilhelm Hellwag, der neue Oberingenieur der Gotthardbahn-Gesellschaft, hatte am 8. Mai 1875 von der Direktion den Auftrag zur Erstellung eines Kostenvoranschlags erhalten. Diesen reichte er am 3. Februar 1876 bei den Gesellschaftsbehörden der Gotthardbahn-Gesellschaft ein. Vermutlich war Zingg bereits zuvor über provisorische Befunde dieses Berichts in Kenntnis gesetzt worden. Vgl. Wanner, Gotthardbahn, S. 353; Die Rekonstruktion der Gotthardbahn, Oberingenieur Hellwags Kostenvoranschlag vom Frühjahr 1876.

5Bereits eine Woche zuvor sprach sich Zingg gegenüber Escher für eine Reduktion der veranschlagten Baukosten aus: «Eine Reduktion der Kosten muß stattfinden, weil ich wie Sie zur Zeit gar keine Möglichkeit sehe, eine so koloßale Summe zu beschaffen & wir das Unternehmen nicht können zu Grunde gehen laßen.» Josef Zingg an Alfred Escher, 24. November 1875.

6Gemeint ist die am Ostufer des Urnersees entlang führende Strecke zwischen Brunnen und Flüelen.

7Da die bereits angesprochene provisorische Kostenaufstellung der technischen Bauleitung nicht vorliegt, fällt ein Vergleich der laut Zingg divergierenden Kostenausweise schwer. Zusätzlich kompliziert wird ein Vergleich derselben durch die unterschiedlich angewandten Kostenberechnungsgrundlagen.

8 Vgl. Conférences internationales 1869, Calculs sur le coût et le rendement du réseau du St-Gothard, 23. September 1869.

9 Vgl. Vertrag Gotthardtunnel, Annex II.

10 Vgl. Beckh/Gerwig, Rentabilität, Beilage III, S. 42.