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Korrespondenz: Alfred Escher – Josef Zingg

AES B2694 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#569*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 199

Josef Zingg an Alfred Escher, Luzern, Mittwoch, 3. November 1875

Schlagwörter: Eisenbahnen Bau und Technik, Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Gotthardbahnprojekt, Lagebeurteilungen (diverse), Presse (allgemein)

Luzern d. 3. November 1875.

Hochverehrter Herr Präsident!

Vielleicht intereßirt es Sie, von dem beifolgenden, die luz. Bahnhoffrage 1 behandelnden Flugblatte2, das jüngst in Luzern vertheilt worden ist, Einsicht zu nehmen. Ich lege noch zwei Nummern des «Vaterland» bei, aus denen Sie ersehen können, welchen Angriffen man hier ausgesetzt ist.3 Bisher hatten unsere Gesinnungsgenoßen soviel Einsicht, & auch soviel Vertrauen auf die GB. & ihre Leiter, daß diese Angriffe keinen sonderlichen Eindruk machten. Daß dies aber ganz anders werden müßte, wenn die Verwaltung der GB. die Luzerner Linie im Stiche laßen sollte4, nachdem alle Vor| arbeiten beendet, viele Liegenschaftsbesitzer 2 Jahre lang in ihrem Verfügungsrechte eingestellt worden sind & die ganze bauliche Entwiklung v. Luzern durch die unglükliche Bahnhofangelegenheit gehemmt worden ist – das liegt auf flacher Hand. Ich weiß gar wohl, daß persönlichen Verhältnißen in einer so großen Angelegenheit, wie der GB., nur eine sehr minime Berüksichtigung zu Theil werden kann. Aber es wird mir trotzdem schwer, das unendlich bittere Gefühl zu überwinden, das mich beschleicht, wenn ich an die Möglichkeit denke, nach mehr als zehnjährigen Mühen & Kämpfen so geopfert zu werden (ich weiß augenbliklich keinen paßendern Ausdruk). – |

Mit der Bitte, diese offene Darlegung meiner Empfindung gütigst entschuldigen zu wollen, verbleibe ich mit dem erneuten Ausdruke ausgezeichnetster Hochachtung

Ihr freundschaftl. ergebener

J. Zingg.

Luzern d. 3. Nov.

HHrn. Präs. Dr. A. Escher in

Zürich

Kommentareinträge

1Im Verlaufe des Jahres 1875 beschloss die Gotthardbahn-Gesellschaft aufgrund ihrer schlechten Finanzlage, das Projekt eines gemeinschaftlichen Bahnhofs in Luzern vorerst zurückzustellen. Vgl. Geschäftsbericht GB 1875, S. 12.

2Beilage nicht ermittelt.

3Die Artikel in den beiden Ausgaben des «Vaterlands» vom 27. und 30. Oktober 1875 stehen im Zusammenhang mit den bevorstehenden Nationalratswahlen. Der erneut für den Nationalrat kandidierende Zingg wird als «Schildknappe» des «Altmeisters an der Limmat» , Escher, massiv kritisiert. Das Vaterland, 30. Oktober 1875. Vgl. Das Vaterland, 27. Oktober 1875.

4Einem Brief von Zingg an Escher von Anfang Dezember 1875 ist zu entnehmen, dass als Möglichkeit zur Kostenreduktion die Streichung der direkten Anschlusslinie Luzerns an die Gotthardbahn (LuzernKüssnachtImmensee) ins Spiel gebracht wurde.Josef Zingg an Alfred Escher, 1. Dezember 1875.